Seltsame Begegnung

Dienstag. Können Sie mir rüber helfen?, ruft die junge Frau von der anderen Straßenseite mir zu.

Eingemummelt in einen mönchskuttenartigen Parka mit übergroßer Kapuze, die ihr die Seitensicht nimmt, den Blick auf mich geklebt, scheint sie keine Sekunde warten zu wollen.

Gehen Sie lieber über die Ampel, rufe ich und zeige wild gestikulierend auf die fünf Meter von uns entfernt stehende Anlage. Vielleicht hört sie mich nicht, sie tritt auf der Stelle wie ein ungeduldiges Kind.

Schaffe ich nicht. Hab Kreislauf! Sie greift sich dramatisch an den Hals. Indem sie mich weiterhin unerbittlich fixiert, setzt sie bereits einen Fuß auf die Straße.

Halt!, schreie ich und springe auf die Fahrbahn, um das von rechts, von ihr aus gesehen von links kommende Auto zu stoppen.

Der Fahrer weicht aus und rast knapp hinter ihrem Rücken weiter.

Hey! Ich springe zurück. Was für ein Bekloppter! Und was für eine Bekloppte.

Den hab ich gar nicht gesehen. Sie marschiert auf mich zu, von wegen Kreislauf, grinst, hält ihre Kapuze unterm Kinn zusammen, als gäbe es nichts Wichtigeres, bleibt dicht vor mir stehen. Ihre Augen sind braun und ziemlich rund, ich lese nichts darin. Was wird das hier? Mutprobe? Langeweile? Einfach mal so?

Dankeschön, sagt sie.

Ja ja, schon gut.

Die Ampel wär besser gewesen.

Auf jeden Fall.

Das nächste Mal gehe ich über die Ampel.

Hmhm.

Bei der Ampel müssen die Autos ja anhalten.

Hmhm.

Sie sind eine sehr nette Frau.

Ist ja gut.

So was gibt es selten.

Würde ich auch sagen.

Bis bald mal.

Sie winkt mir zu, ich winke automatisch zurück.

Lieber nicht.