Frontbericht

Freitag, Eisenach. W. ist für ein paar Tage zu Besuch, Lieblings-Ex-Kollegin Mecki mit Sohn kommt zufällig auch dazu – kuschliges Tübinger Treffen an unserem langen Esstisch in Eisenach.

Mein neuer Job verfolgt mich bis in den Schlaf. Während die intellektuelle Herausforderung gegen Null tendiert, geht ein Großteil der Energie für Disziplinierungsmaßnahmen drauf. Was mir jedoch tausend Mal mehr nachgeht, sind die harten Schicksale, die manchen Kindern aufgebürdet werden. Dass sie so wenig lernen, liegt nicht daran, dass sie weniger intelligent sind (eine Zuschreibung, die ich sowieso ablehne), sondern ihre Köpfe sind einfach randvoll. Randvoll mit Problemen, die sie in jungen Jahren zu bewältigen haben, weil abwesende, kranke, desinteressierte und desorientierte, ohnmächtige Erziehungsberechtigte mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sind. Tatsächlich machen manche Kinder einen seelisch schwer verletzten Eindruck. Kein Wunder, dass sie die entsprechenden Abwehrmechanismen bereits voll drauf haben.

Sie leisten ungleich viel mehr als die meist wohlbehüteten Gymnasiast*innen, mit denen ich bisher zu tun hatte. Doch es sind Leistungen, die niemand sieht. Die auch niemand anerkennt.

Den heftigen Schulalltag scheinen manche Kolleg*innen nur in der inneren Emigration zu ertragen: Sieh zu, dass es dir selber gut geht!, lautet der sehr schräge Tipp auf meine Frage, wie mit SuS zu verfahren sei, die kein Wort Deutsch sprechen und ihre Lebenszeit im Unterricht  auf der Bank schlafend absitzen. Sie können keine Bewerbung schreiben, sie können auch sonst nichts, weil sie unsere Sprache nicht beherrschen. Zuhause haben sie keinen PC, eine Tastatur haben sie noch nie angewendet, geschweige denn etwas von Textverarbeitung gehört. Ihnen das alles parallel zur Bewerbung beizubringen, ist mit einer Lerngruppe von 23 Jugendlichen im unzulänglichen Computerfachraum schier unmöglich.

Außer, ich erledige es für sie. Wie im Fall von S. Aber S. ist ein besonderer Fall.

Tja, da kommen wir an unsere Grenzen, höre ich immer wieder. Genauso oft: Die schaffen den Abschluss sowieso nicht, lass die hinten Karten spielen.  Und last but noch least, mit Seufzern garniert: Gibste der/ dem halt eine Sechs.

Hallo? Lösungen? 

Tatsächlich denke ich in manchen Momenten an Aufhören. Ich halte in beiden Klassen eine kleine Brandrede: Dass ich dafür bezahlt werde, ihnen was beizubringen. Dass sie ein Recht auf Wissen haben. Jeder von euch, sage ich, wird bei mir seinen Abschluss machen. Danach ist erstmal Ruhe. Sie scheinen es mir abzunehmen. Mehr als jedes Schreien und Argumentieren.

In der Pause soll ich einen Antrag auf Schulausschluss gegen Schüler S. unterschreiben. Was hat er denn gemacht?, frage ich.

Im Internet Waffen bestellt, da wirst du ja wohl zustimmen.

Wieso löst meine Nachfrage Entrüstung aus? Ich unterschreibe und halte gleichzeitig daran fest, dass Waffenbestellen ein Alarmzeichen sei. Das Ende einer Kette von unbewältigten Misserfolgen. Das Ergebnis einer massiv verstörten Seele. Und weil ich nur Schweigen ernte und keinerlei Verständnis, setzte ich noch einen drauf: Destruktion ist die Kreativität der Ohnmächtigen!

Mit Entwicklungspsychologie, überhaupt mit Psychologie hat man es hier nicht so. Meinem engagierten Relilehrer sei ewiger Dank: Abriss der Psychoanalyse habe ich schon in der 11. Klasse gelesen. Während Freuds Instanzenmodell u.v.m. das westliche Denken und unser Wording nachhaltig geprägt haben, scheinen tiefenpsychologische Erkenntnisse noch nicht wirklich in die Bildungseinrichtungen des Ostens geschwappt zu sein.

S. ist erst 13. Ja, er fällt auf, aber nicht unangenehm. Als sein dreitägiger Ausschluss vorbei ist, kommt er nach der Stunde zu mir: Ich werde von der ganzen Klasse gemobbt, sagt er in holprigem Deutsch.

Ich will wissen von wem, aber das bringt nichts.

Und ich nichts sehen!, sagt S. Ich bitte ihn, sich in die vorderste Reihe zu setzen und meinen Tafelaufschrieb abzulesen. Er kniept die Augen zusammen, kann gerade mal die Überschrift entziffern.

S., sage ich entsetzt, du brauchst eine Brille!

Ja, sagt er. Aber Termin bei Augenarzt nächstes Jahr. Dann ich blind!

Wir müssen beide lachen. Ich lasse mir seine Telefonnummer geben. Mein Vater lernen Deutsch, Deutschkurs, sagt er stolz. Auf dem Heimweg gehe ich beim Optiker vorbei und handle einen zeitnahen Termin für den Sehtest aus. Die Optikerin hat Verständnis für S.’s Lage – angesichts der aufgeheizten Stimmung gegenüber Geflüchteten alles andere als selbstverständlich. Ich rufe den Vater an, und bereits fünf Tage später erscheint S. mit Brille im Unterricht. Mein Lob wehrt er ab, nein, die Brille stehe ihm nicht, er mag sie (noch) nicht leiden.

Nach der Stunde gebe ich ihm den Terminzettel vom Augenarzt. Auch da bin vorbeigegangen, weil die meisten Praxen telefonisch nicht mehr erreichbar sind, das kenne ich auch aus Tübingen. S. freut sich über den Termin. Er hat Angst vor einer Augenkrankheit, sagt er.

Das wär aber nicht deine Aufgabe gewesen!, seufzt der Kollege vorwurfsvoll, als ich ihm von den beiden Terminen erzähle.

Verändere niemals die bestehenden Normen!, hat mich kürzlich jemand gewarnt: Du erreichst nichts, aber der Ärger ist vorprogrammiert.

Pädagogik funktionieren im Osten deutlich verschärfter als im Westen, aber nicht effektiver. Lieblingsvokabeln sind Belehrung und Maßnahme. Kann man das auch Information nennen?, frage ich die Schulleitung, als ich zum zweiten Mal eine schriftliche Einladung für eine Belehrung erhalte. Nein!, sagt sie irritiert. Um mich dann darüber zu informieren, wie ich mich bei einer Bombendrohung zu verhalten habe.

Später schreibe ich mit S. zusammen seine Bewerbung. Was hast Du für persönliche Stärken?, frage ich ihn.

PC-Kenntnisse, sagt er: ich programmieren Spiele.

Du spielst PC-Spiele?, versuche ich ihn zu korrigieren.

Nein, ich programmieren. Und machen Tutorials.

Waaaas? Ich diktiere ihm: Eigenständig Spiele entwickeln, eigene Tutorials ins Netz stellen. Sonst noch was?

Ich verliebt in Autos.

Na, wenn das nicht der direkte Weg zu BMW ist! Gemeinsam suchen wir die Internetadresse der Personalabteilung raus. Kannst Du diesen Text jetzt als E-Mail versenden?, frage ich.

S. lächelt müde. Eine E-Mail! Wenn’s weiter nichts ist.

Nächste Stunde werde ich mein Glück bei den beiden syrischen Mädchen versuchen, die im Unterricht immer erst ausgiebig frühstücken, dann schlafen. Im Lehrerzimmer sitzt an diesem Tag eine Frau mit Hijab. Ich frage sie, ob sie uns wohl dolmetschen könnte.

Muss ich erst Schulleitung fragen, sagt sie. Eigentlich sei sie für eine andere Schülerin hier.

OH MEIN GOTT! Geheiligte Bürokratie …