Zeichen eines ganzen Menschenlebens

Samstag, Stoßdorf. Anne holt mich in Siegburg vom Bahnhof ab, und wir fahren durch zähe Staus direkt nach Ahrweiler. Am Haus parken geht nicht: alles ist aufgerissen, und was von der Straße übrig ist, bedeckt eine an den Rändern meterhohe Schlammschicht. Wir fädeln uns in den rutschigen Autokorso, bis wir eine winzige Lücke beim Getränkemarkt finden. Überall liegen zertrümmerte Wagen im Schlamm, die jedoch von den funktionierenden Autos wegen des unglaublichen Drecks kaum zu unterscheiden sind.
Spaten raus, Gummistiefel an, und schon nach wenigen Metern durch die Matsche sehen wir so verschmiert und bespritzt aus wie alle hier: Workers in action. Vor jedem Haus türmen sich Bretter, Möbel, Elektroschrott, Fahrräder, Kinderspielzeug – was man eben so hat (oder hatte), alles mit dieser braunen Schlammschicht überzogen. Aus manchen Kellerfenstern schlängeln sich armdicke Schläuche, im abgepumpten Wasser spülen die Leute ihre aus dem Untergang gezogenen Habseligkeiten. Wie eklig, denke ich, und gleichzeitig speichere ich die Info für später ab.
Noch eine Kurve, dann PMs Haus. Durch Annes Videos bin ich vorbereitet, trotzdem ist die Echtansicht ein Schock. Wo einmal die Straße war, klafft ein riesiges Loch, aus dem dicke blaue und dünnere schwarze Rohre ragen. Abgerissene Rohrstücke und undefinierbare technische Teile pflastern die Schlammdecke. In der Fensterfront von PMs Wohnzimmer steckt ein Baum, reingepfeffert von einer wütenden Naturkraft. Irgendwelche freundliche Menschen schaufeln eben die Eingangsstufen frei, und ich betrete das, was einmal der Flur war. Erfasse mit einem Blick die Totalvernichtung und bücke mich automatisch: Oben auf dem kniehohen Schlammberg (wo die Truhe stand), liegt mein Parfum, Fleur de Rocaille. Das Fläschchen ist unversehrt, das ist angesichts dieser enormen Zerstörung ein kleines, (zynisches?) Wunder.
Kurzfassung: Alles bis auf den letzten Löffel ist weg. Im Schlamm vergraben, mit den Wassermassen aus dem Fenster gespült: Die Sofas, der Schreibtisch, die alte Eichentruhe – weggerissen auf der großen Sintflut die Zeichen eines ganzen Menschenlebens.
Statt dessen greifen sich drei Bäume Raum: im Wohnzimmer. Im Esszimmer. Im Flur. Es ist die Hölle. Und dann machen wir das, was alle in der zerstörten Stadt und was wahrscheinlich alle seit Menschengedenken angesichts der vollzogenen Vernichtung ihrer bisherigen Existenz machen: Wir schnappen uns die Spaten und schaufeln.
Was ist das Ziel?, frage ich mich, und rede mir ein: Die offenen Fensterlöcher aufzuschütten, wegen der Plünderer, die schon gesichtet wurden. PMs Schlafzimmer steht ja noch, ganz zu schweigen von der alten Standuhr meines Vaters. Wenn ich an sie denke, zieht sich mein Herz zusammen. Die bemalten Kacheln von meiner Oma, wahrscheinlich zerbrochen im Keller. In Gedanken gehe ich Raum für Raum durch, was von mir sich im Haus befindet. Der Biedermeiertisch samt Stühlen und das Nähtischen meiner Mutter – seit zwei Tagen unter Wasser, Spielsachen vom L.chen und T.chen, Klamotten, Schmuck … oh Scheiße!, jetzt besser aufhören, besser weiterschaufeln jetzt: schau an, da ist PMs iWatch, da staunt er, sie sieht intakt aus, sie kommt auf den Haufen mit „geretteten Dingen“.
Am Abend schlagen wir erschöpft bei Anne und Jacek auf (so hatte ich mir unseren gemeinsamen Urlaub nicht vorgestellt). Wir essen und trinken. Auch sämtliche Läden in Ahrweiler sind geflutet. Der einzige, wo es heute noch etwas gab, war Aldi, doch der war schon leergekauft. Wie köstlich schmeckt das Mineralwasser, wie lecker das Käsebrot. Irgendwie sind wir euphorisch, was angesichts der Lage völlig absurd ist, aber die körperliche Arbeit hat uns lebendig gemacht. Ich spüle das gerettete Kleinzeug ab, und die Küche riecht auf einen Schlag nach Heizöl. Meine Hände auch. Das ist der Geruch, der über ganz Ahrweiler liegt: Öl von herausgerissenen, ausgelaufenen Öltanks.
Genau genommen, ist doch der ganze Boden verseucht … Mir fällt ein, mit welcher Sorgfalt der Boden auf der Baustelle in Tübingen abgetragen wurde, bevor die Häuser unserer Baugruppen entstehen konnten, weil die französischen Militärs auf dem Gelände einst ihre Tanks einfach ausgeleert hatten …
Ich denke an meinen Homeoffice und an die Prüfungen und Korrekturen und Noten und das alles erscheint mir unvorstellbar absurd. In der betroffenen Region gibt es keine Infrastruktur mehr: Kein Wasser, keinen Strom, keine Hygiene, keinen Kontakt. Und wir sitzen hier bei Freunden in der untergehenden Sonne, es ist warm und der Himmel wolkenfrei. Anne hat uns ein gemütliches Zimmer eingerichtet mit wunderschön bezogenem Bett und frischen Handtüchern und sogar Ersatzkleidung. Wir können uns duschen und noch etwas trinken und miteinander reden. Das Handy pingt ununterbrochen, so viele Freunde erkundigen sich, wie es PM geht, und bieten uns ihre Hilfe an.
Das ist jetzt unser Reichtum, sage ich zu PM. Ein Versuch – er ist so unendlich traurig. Ich weiß, dass er ab seinem 13. Lebensjahr jede Westmark in die Bücherläden von Eisenach, Erfurt und Umgebung getragen hat, um die Neuausgaben von Camus oder Remarque für 80 Mark zu erstehen (die bei uns 19 DM gekostet haben) und sich dafür am Abend von den gleichgesinnten Freunden als Held feiern zu lassen.
Meine Erstausgaben …, sagt er. Der Stich in sein Herz spiegeln sich in seinen Augen wider. Wir schaffen das, sage ich und meine es genauso. Man schafft immer alles. Manchmal dauert es eben etwas länger.