Montag. Seine letzte Rede zum 3. Oktober, dem Feiertag der Wiedervereinigung – nie mehr im Leben wird Bundespräsident Steinmeier diese Gelegenheit haben.
Ich hatte eine Vision erwartet, wohin es mit Deutschland gehen könnte, eine gesamtdeutsche Vision, eine Aufgabe, die die alten und neuen Bundesländer gemeinsam anpacken. Dass er dazu aufrufen und Mut machen würde, das hätte ich mir gewünscht. Eine versöhnende, verständnisvolle, die Grenzen überschreitende, vereinende Rede, die wir nicht vergessen, die zu Herzen geht, die aufrüttelt. Ja, die aufrüttelt und vom Sofa scheucht und in die Hände klatschen oder spucken lässt.
Und nicht dieses Gelaber von wegen Demokratie und AfD und Wutwählern. Seit sechs oder sieben Jahren hören wir immer die gleiche Leier: Dagegen (AfD und so weiter) anstatt dafür (nicht weniger als unsere Zukunft).
Ich höre nicht mehr hin, ich höre auf zu lesen. Ich bin damit nicht allein.
Irgendwo in der Rede freut Steinmeier sich darüber, „dass unsere Bundeswehr an Stärke gewinnt“. Noch weiter unten wird Deutschland ein „freundliches, hilfsbereites Land“ genannt. Ach du Schreck, so tief sind wir gesunken? Waren wir nicht einmal das Land der Ingenieure? Der Automobilindustrie? Der Tüftler und Erfinder? Der großen Philosophen und Geisteswissenschaftler? Der Dichter und Denker?
Freundlich und hilfsbereit, na ja. Armes Deutschland.
| Deutschland. Ein Wintermärchen (Heinrich Heine, 1844)
Im traurigen Monat November war’s, Und als ich an die Grenze kam, Und als ich die deutsche Sprache vernahm, Ein kleines Harfenmädchen sang. Sie sang von Liebe und Liebesgram, Sie sang vom irdischen Jammertal, Sie sang das alte Entsagungslied, Ich kenne die Weise, ich kenne den Text, Ein neues Lied, ein besseres Lied, Wir wollen auf Erden glücklich sein, Es wächst hienieden Brot genug Ja, Zuckererbsen für jedermann, Und wachsen uns Flügel nach dem Tod, Ein neues Lied, ein besseres Lied! Die Jungfer Europa ist verlobt Und fehlt der Pfaffensegen dabei, Ein Hochzeitkarmen ist mein Lied, Begeisterte Sterne, sie lodern wild, Seit ich auf deutsche Erde trat, |