Samstag, Tübingen. Wo sind die Frauen in Ludwigshafen?
Ich sehe nur Männer, zusammenstehend, zusammen kiffend, zusammen einen Transporter beladend, zusammen in der Shisha-Bar, zusammen in der Cafébar.
Ich bin auf der Suche nach einem Café. Einem ganz normalen, wo es Cappuccino und vielleicht ein Stück Kuchen gibt. Ich laufe 30 min vom Hauptbahnhof durch die City, latsche sämtliche Querstraßen ab, bin viel zu früh dran, weil der Zug ausnahmsweise keine Verspätung hatte. Ich habe Zeit und Hunger und Durst und bin seit heute Morgen auf den Beinen.
Eine Tür nach der anderen ziehe ich auf, es gibt viele Cafébars, jedes Mal glotzt eine Truppe Typen raus, so: Was will die denn hier? Hastig schließe ich die Tür wieder und trabe weiter. Ich frage eine Frau: Wo kann ich hier einen Kaffee bekommen? Sie zuckt die Schultern, versteht mich wohl nicht. Ich frage eine andere, die lacht und sagt: Nirgendwo.
Ich laufe viel an diesem Tag. Und werde zunehmend frustriert. Oder eher deprimiert. Eine Stadt der Hässlichkeiten, eine wirklich hässliche Stadt, die in vergangenen Zeiten Unmengen Beton verarbeitet hat: Hauptsache viereckig, Hauptsache groß.
Schon zum zweiten Mal komme ich an einem Schuhgeschäft vorbei, es liegt an einer Kreuzung, ein schönes Geschäft inmitten der Minimarkets und Handyreparaturläden und Barbershops. Schuhgeschäfte üben eine magische Wirkung auf mich aus, ich gehe rein, probiere ein Paar Stiefeletten, das mich aus dem Schaufenster angeflirtet hat, eine attraktive Farbe, passgenauer Schnitt, ich nehme sie, höre ich mich sagen. Oups, da erwische ich mich doch glatt bei einem Spontankauf. Sie kosten ziemlich viel, mehr als ich heute Abend für die Lesung bekomme. Es ist mir egal. Zwischen all den Betonmonstern und traurigen Straßen, in denen traurige Gestalten herumlaufen, habe ich etwas Schönes gefunden. Ich weiß schon, einen Konsumartikel. Ich muss aufpassen, meine Stimmung rutscht gerade unter den Nullpunkt, und in zwei Stunden beginnt die Lesung.
Ich werde sehr freundlich empfangen. Diese superaktive kleine Melanchthon-Gemeinde am hübschen (!) Lutherplatz lockt mit einem liebevollen Kulturprogramm echte Menschen in eine echte Kirche. Chapeau! Eine Arche mitten in Ludwigshafen, das mir ansonsten vorkommt wie ein einziger, gigantischer Lost Place. Und ziemlich viele Frauen hier – es gibt sie auch in Ludwigshafen. Daneben, in einem ehemaligen, im Krieg zerstörten Restkirchturm, eine Pizzeria, wo ich endlich meinen Kaffee bekomme (köstlich!), wo ich kein Fremdkörper bin, der sich am besten verpissen soll. Danke!
Frauen, holt euch eure Stadt zurück!