Donnstertag. J.: Und dann drückt sie mir ein Messer in die Hand und sagt: Bring dich um.
Das kenne ich. Meine hat gesagt, sie hat kein Bock mehr auf mich, und ich bin ins Heim. Vielleicht wäre sie auch froh, wenn ich mich umbringe. Sagt S.
Es geht immer noch schlimmer. Sie reden von ihren Eltern, und die wollen ihnen ans Leben oder sie wenigstens loswerden. „Ins Heim“, wie die Ostdeutschen sagen, mit der ihnen manchmal eigenen Schonungslosigkeit. Sie leben damit, ich frage mich, wie. Weihnachten ist das Schlimmste, sagt Y. Da hatten sie Streit und meine Mutter und ihr Macker sind abgehauen, jeder in eine andere Richtung. Ich alleine mit vier kleinen Geschwistern. Ich war erst acht. Meine zweijährige Schwester hatte Lungenentzündung. Ich hab sie eingesperrt, ich wusste nicht, was ich tun soll. Sie hätte sterben können, und ich wäre schuld! Geburtstag ist noch beschissener. Mein zwölftes Geschwister kam tot auf die Welt, einen Tag vor meinem 10. Geburtstag, und irgendwie fühle ich mich bis heute schuldig. Ich und mein Bruder sind die Einzigen, die es noch zuhause aushalten. Wenn meine Mutter besoffen ist, erzählt sie mir, wie sehr sie mich liebt.
Wenn mein Vater besoffen ist, erzählt er mir von seinen Eheproblemen. Anstatt meiner Mutter mal das Messer wegzunehmen. Eines Tages wird sie jemanden töten. Sagt J.
Mach bei dem Schreibwettbewerb mit!, sage ich ihr und habe noch nie so sehr jemandem gewünscht zu gewinnen. Sie sollen es diesen Arschlöchern zeigen! Ihren verantwortungsscheuen Versagereltern, die nur sich selbst sehen, weil irgendeine Schraube in ihrem Gehirn verstellt ist. Ich bin so wütend. Und so tief beeindruckt von ihrer Freundlichkeit, von ihrer Anständigkeit. Woher zaubern sie das?
Das Kapitel „Schicksal“ in unserem neuen gemeinsamen Buch wird sehr umfangreich. Und sehr krass. Am WE gehe ich zur Jahresfeier des Gewerbevereins. Ich brauche Sponsoren.