Sonntag. Definitiv gibt es ein richtiges Leben im Falschen.
Adorno kam während seines kalifornischen Exils Mitte der Vierzigerjahre mit Blick auf sein faschistisches Herkunftsland zum gegenteiligen Schluss: „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ (Minima Moralia). In der ersten, ursprünglichen Textfassung lautete der Satz: „Es läßt sich privat nicht mehr richtig leben.“
Adorno war mit seiner Familie gerade noch rechtzeitig 1938 in die USA emigriert, wo er bis 1953 blieb.
Der unwissenden aber interessierten Bürgerin gefällt der ursprüngliche Satz fast besser. Wie kann ich mich privat okay fühlen, wenn das Gebäude um mich herum stark einsturzgefährdet ist?
Beim Frühstück draußen unterm Vordach diskutieren PM und ich die sog. Gesundheitsreform (die u.a. Leistungszuschüsse für Pflegebedürftige und pflegende Angehörige kürzen will). Gekürzt wird zuerst bei denen, die sich nicht wehren können oder wollen, weil sie sich verpflichtet fühlen. Oder: ein Gewissen haben.
Na klar, spüren wir das. Es fühlt sich falsch an, das und noch vieles andere. Und gleichzeitig spüren wir die Sonne auf unserer Haut, wir sehen die Schmetterlinge auf den Hortensien tanzen, den Oleander erblühen, auf WhatsApp eine Einladung für heute Abend, und so weiter. Es sind Dinge, die Freude machen, trotzdem. Das Leben wäre sonst schrecklich. Und weil es auch schrecklich kurz ist, lasse ich mir diese richtigen Momente im Falschen nicht nehmen.
Und jetzt wieder ab in die Sonne, Demon Copperhead wartet, S. 578 …