Antrag

Mittwoch, Eisenach. Zwei lange Gespräche. Ganz unterschiedlicher Art, gehen aber in dieselbe Richtung.
Öffnen mir die Augen? Nichts bilde ich mir ein. Es ist, wie ich es wahrnehme, und ist keine Einbildung und auch nicht ohne Gründe.
Diese anhaltende Traurigkeit. Diese Augenprobleme. Beides schlagartig da, wenn ich wieder hier bin. Mein Eindruck: Ich bin mit dem, was ich will und plane, und ich will und plane immer was, am falschen Ort. Niemand will hier was, was bisher noch nicht dagewesen ist. Der Trott soll nicht verlassen werden, und wer da raus will, ist ein Sonderling, ein Verräter. Eine Verräterin. Wer anders unterrichtet, wer einen anderen Ton anschlägt und nicht bellt sondern umwirbt, wer andere Projekte macht (ein Buch statt Frontalunterricht), hat die SchülerInnen zwar auf seiner Seite, doch nicht diejenigen, die die Leitlinien bestimmten.
Ich gehe gerade mit meinem neuen Buch mit Eisenacher Texten hausieren. Es ist immer wieder dieselbe Erfahrung. Die mir heute, aus 1. Hand sozusagen, bestätigt wird. Von zweien, die die Leitlinien bestimmen (deshalb war ich erst bei dem einen und dann bei dem anderen) und an dieselben Grenzen stoßen, immer wieder.
Sie lassen sich füttern von der Hand, die sie am Boden hält – auch noch nach über dreißig Jahren, beschreibt der eine mittels eines ziemlich grausamen Bildes, wie ich finde, das soziale und kulturelle und regionalpolitische Klima.
Es geschehe nicht absichtlich, sagt er. Sondern weil sie es nicht merken. Die packen ihr Frühstücksbrot aus und gehen der Reihe nach ihre Kollegen und Nachbarn und komische Leute wie Sie und ich durch, die duzen dich, ohne zu fragen, und wenn du mitmachst, bist du einer von ihnen. Wenn du Tratsch und Klatsch untersagst und Leistung verlangst, bist du Angstmacher und Klassenfeind.
Ich winde mich, ich will das nicht hören.
Eigenverantwortung und Fantasie gehören eng zusammen, sagt er, und: Nur wenige haben Fantasie. Deshalb auch kaum Projekte.
Was heißt das für mich, frage ich, denn ich lebe hier, und ich will ja was, ich plane ein Projekt. Ich brauche Unterstützung.
Man muss das durchstehen, sagt der andere. Der ist ziemlich resigniert, malocht auf seinem verlorenen Posten für drei und wird zur Belohnung von den anderen Leitliniern aus allen Informationsprozessen ausgeschlossen. Sein dickes Fell stählt er in der Natur und mit Musik.
Stellen Sie den Antrag, sagt der erste. Bleiben Sie cool. Machen Sie Ihren eigenen Stiefel weiter. Bis demnächst. Freue mich.