Dienstag, Tübingen. Jugendliche, die für besseren Unterricht und besseres Lernen auf die Straße gehen, hat es bei uns noch nie gegeben.
Randalierer wie die, die sich aktuell an die SchülerInnenproteste dranhängen, wird es auch bei uns bald geben, wenn wir das Problem noch lange unter den großen, geduldigen Teppich kehren.
Diese Jugendlichen sind aus historisch anderen Gründen frustriert – z.B. weil sie mit ihren Familien seit Jahrzehnten in Ghettos gepfercht werden, aus denen es auch in der 3. Generation kein Herauskommen gibt, unkontrollierbare No-go-Areas wie in Marseille und anderen franz. Großstädten. Sie plündern Geschäfte (zuerst übrigens die jüdischen!) und setzen Rathäuser und Kirchen in Brand, sie setzen andere Zeichen, weil sie andere Ziele verfolgen.
Auf witzige Weise schlachtet der von aller Welt heißgeliebte französische Spielfilm Ziemlich beste Freunde die Problematik der sozialen Schranken aus. Und lacht sie weg.
Die Gewalt an unseren Schulen kann niemand mehr weglachen / übersehen, der selbst dort arbeitet oder Kinder hat, die Gewalt ausgeliefert sind. In Tübingen hat die Schulleiterin der Geschwister-Scholl-Schule im Sommer 2026 ihren Job an den Nagel gehängt. Der Knall verpuffte leider ungehört. Die neue Schulleitung verfiel letzte Woche auf die geniale Idee, die schlimmsten Typen jeweils neben Mädchen zu setzen. Begründung: Die Mädchen hätten eine besänftigende Wirkung auf sie. Fakt ist, die Mädchen müssen sich nun jede Stunde als Bitch und Hure titulieren lassen und finden darüber hinaus bei der Schulleitung kein Ohr für ihre Demütigungen.
Das sind die Lösungen, die unser Land, wahrscheinlich auf Grund des historisch schlechten Gewissens, zu bieten hat. Schaut man nach Dänemark, finden westliche Gesellschaften ganz andere, effektivere Lösungen, die in Deutschland noch nicht mal im Ansatz diskutiert werden.
Dramatisch, wie ewig lang sich Konsequenzen aus geschichtlichen Konstellationen hinziehen, in dem Fall 80 Jahre.
Schaut man sich das ostdeutsche Schulsystem an (ich habe zwei Jahre lang an einer Regelschule / Hauptschule gearbeitet), dann fasst man sich an den Kopf, wie autoritäre, gnadenlos hierarchische Strukturen auch nach 35 Jahren Diktatur immer noch nachwirken. Es ist NICHT die Schuld der migrantischen SchülerInnen, sondern die eines ignoranten Schulsystem, das psychische Gewalt ausübt und sich dann wundert, warum es auf dem Schulhof – der aussieht wie ein Knasthof – zugeht wie in einer Boxhalle.
Wir verachten die Lehrer, habe ich oft genug zu hören bekommen. Weil sie einem verachtenswerten System ausgeliefert sind, das sich nicht für sie als Person interessiert, sondern als Verfügungsmasse. Nur haben die Schulbehörden die Kontrolle über diese Verfügungsmasse verloren.
Thüringen hat die zweithöchste Schulabbrecherquote bundesweit: 11,9 % verlassen jedes Jahr die allgemeinbildenden Schulen ohne einen Abschluss! In Sachsen-Anhalt sind es sogar 13,4 %. Das ist eine menschliche Katastrophe, und darüber hinaus ein nicht mehr wiedergutzumachender Verlust an Potential. Ein Armutszeugnis für einen Staat, der 2024 für Bildung 198 Milliarden Euro ausgab. Ist das zu wenig? Wo bleibt das Geld eigentlich?
In Eisenach darf an der Schule, in der ich zwei Jahre lang durchgehalten habe, keiner mehr das 4. Stockwerk betreten: das Dach ist einsturzgefährdet. Auch die stadtzugewandte Außenseite des Gebäudes ist wg. bröckelndem Mauerwerk seit Frühjahr 2025 abgesperrt, das habe ich noch miterlebt. Ein Dauerzustand, so wie die Abbrecherquote. Man gewöhnt sich an alles, man richtet sich ein (im Sich-Einrichten sind die Ostdeutschen leider sehr geübt).
Allein im kleinen Eisenach (40.505 Einwohner) gibt es drei Einrichtungen, wo SchulabbrecherInnen ihren Haupt- und Realschulabschluss nachholen können. Seit 2024 arbeite ich auch an einem solchen Bildungshaus und bin glücklich über meine Arbeit. Diese kleine Gruppe von Liegengebliebenen, Liegengelassenen, z.T. fürchterlich Vernachlässigten hat die Kurve gekriegt. Die Begegnung mit ihnen ist das Wertvollste und Schmerzlichste, was mir in den letzten Jahren passiert ist.
In Tübingen (94.364 Einwohner) und Umgebung gibt es keine einzige derartige Einrichtung. Braucht man hier nicht. Bildungsnahe und wohlhabende Eltern sorgen in der gut ausgestatteten Universitätsstadt für das Weiterkommen ihrer Kids. Womit wir wieder am Anfang wären, bei den Ghettos der französischen Großstädte …