Abhauen

Freitag, im Zug. Er blafft seine Frau auf Deutsch an, ich bekomme direkt alles mit. Sie redet auch Deutsch, aber besser als er, aber eigentlich redet sie gar nicht.

Vielleicht haben sie unterschiedliche Muttersprachen, was ich nicht glaube. Eher glaube ich, dass sie familiär zusammengestellt worden sind: So, ihr gehört zusammen, große Hochzeit und das ganze Programm, wunderbar, und jetzt seid glücklich.

Die Frau guckt so unglücklich, dass ich denke, sie weint gleich. Sie sitzt nicht neben ihrem Mann, sondern zwei Bänke vor ihm, in der Reihe neben mir. Er sitzt allein, breitbeinig über zwei Plätze, und findet das doof, dass sie woanders sitzt. Er steht auf und knallt sich in die freie Reihe vor ihr.

Komm her!, blafft er.

Sie will nicht. Sie will alleine sitzen. Als er nochmal blafft, steht sie ganz langsam auf und setzt sich neben ihn, aber wie! Rücken zu ihm, die Beine weit in den Gang gestreckt.

Hau ab, solange du noch kannst! Will ich ihr sagen, aber natürlich sage ich es nicht. Vielleicht rastet der Typ aus oder sie wehrt sich gegen meinen Übergriffigkeit, das weiß ich ja nicht.

Der Typ sieht total Klischee aus, hochrasierter Kopf und viel Gold um den Hals. Sie ganz anders. Klein und rund und praktische Klamotten und gar nicht geschmückt mit Gold und so. Nur traurig.

Sie sind noch so jung. Bestimmt haben sie noch 40, 50 gemeinsame Jahre vor sich. Wie wollen die das aushalten, wie will sie das aushalten? Katastrophe! So eine vermurkste Biografie, Herrgottnochmal! Ich kannte mal eine, die abgehauen ist vor ihrem Zwangsehemann und zwangsläufig auch vor ihren Eltern, weil die für den Zwangsehemann waren. Sie hatten ihn ja für ihre Tochter ausgesucht. Diese Frauen sind dann total allein. Niemand ist mehr auf ihrer Seite, höchstens heimlich ein paar Freundinnen. Vielleicht ziehen sie das deshalb lieber durch mit so einem Scheisskerl wie der Typ hier eine Reihe weiter vorne, damit sie nicht so scheissallein sind. Ich höre solche Geschichten auch von meinen Schülerinnen in Eisenach.

Ich bin gern allein. Alleinsein kann sehr cool sein. Ich vermisse dann nichts. Nicht immer natürlich, weshalb ich das mit den auf sich gestellten Frauen, die ihre Zwangsehemänner verlassen, überhaupt nicht vergleichen kann, ist mehr eine Assoziation. Jetzt gerade allein im Zug, heute Abend allein im Hotel, morgen früh allein zum Treffpunkt (Bus? Taxi?) und dann aber unter vielen Menschen. Das ist cool, und ich bin voller Vorfreude auf mein cooles, stressiges, vollgepacktes Wochenende mit ein paar Zeiten Alleinsein dazwischen. (Tü – Lü – Fr -Tü).

Die Frau guckt mich direkt an, wozu sie sich extra umdrehen muss. So traurig. Soll ich es einfach doch sagen? Ich schaue nach ihrer Hand, ob sie das Hilfe-Zeichen macht. Nein, macht sie nicht. Jetzt dreht  sich auch der Mann zu mir um und guckt. Wahrscheinlich dämmert ihm gerade, dass er so nicht mit seiner Frau umgehen sollte. Oder doch nicht

Wann Reutlingen?, blafft er, und die Frau scrollt sich souverän durch den Fahrplan: Wir haben fast zwanzig Minuten Verspätung, sagt sie. Und was machen?, blafft er. Nichts. Warten, sagt sie und denkt bestimmt, so ein Horny. Ich denke es jedenfalls, für sie gleich mit.

Oh mein Gott, hau doch ab, solange es noch geht!