Fazite

Montag, Tübingen. Wenn mehrere Veranstaltungen an einem Tag sind, und ich also morgens mittags abends irgendwohin kommen soll, dann ist das für mich wie Schule und Pünklichkeitsstress. Ich werde dann ganz langsam, bis ich weiß, dass ich es nicht mehr schaffen werde.
Auf dem Weg lasse ich mich gerne von einem Schuhgeschäft ablenken. Es gibt immer irgendwo eins. Ich probiere ganz viel und kaufe in den seltensten Fällen. In jedem Fall gehe ich mit einem Triumphgefühl über die Zeit wieder raus. Das war schon bei meiner allerersten Lesung so: In Berlin, gesponsert von Bruno Banani, lasen wir erotische Kurzgeschichten in einer alten Fabrikhalle. Davon schrieb ich damals mehrere, und Bettina Hesse gab sie in Rowohlt- und Wunderlich-Anthologien heraus. Sie war auch bei der Lesung dabei, und wir Autorinnen saßen in einem sog. Jailhouse-Bett und trugen vor einem proppenvollen Saal unsere Geschichten vor, von denen mir einige zum Fremdschämen vorkamen. Ich war nervös gewesen, und durch den Schuh-Marathon war ich so spät dran, dass ich es gerade noch pünktlich auf dieses Bett geschafft hatte. So ein Setting kann man sich in unseren überkorrekten Zeiten gar nicht mehr vorstellen, ich fand es aber eigentlich ziemlich lustig.
Man muss halt eine Haltung einnehmen, die Freiheit dazu hat man ja.
In Nürnberg ist es kein Schuhgeschäft, sondern ein Klamottenladen. Ich probiere ein bezauberndes, sehr buntes Seidenkleid, das von 659 € auf 469 € heruntergesetzt ist und überzeugend und ungewohnt aussieht. Nachdem ich mich im Spiegel in der Facette einer Frau in Folklore betrachtet habe, why not?, die mal eben 500 € für ein Kleid hinlegt, ziehe ich es aus und gehe in meinen eigenen Klamotten sehr fröhlich zur Veranstaltung. Ich komme etwa 10 Minuten zu spät, was niemanden interessiert, mich auch nicht.
Sie dauert bis in den frühen Abend. Es geht um die Verwendung von KI in der Literatur, und dann geht es um Meinungsfreiheit, und ob sich das PEN-Writers in Prison Committee auch für solche inhaftierten oder verfolgten AutorInnen einsetzt, die in ihren jeweiligen Regierungen als rechts gelten.
Ich musste sofort an Michel Houllebecq denken. Wenn der aufgrund seiner einwanderungskritischen Thesen eines Tages verfolgt würde, hoffe ich doch sehr, dass PEN sich für diesen großen Autor einsetzt. Im Gruppengespräch erzählt mir eine, sie würde gerne einen Gedichtband rezensieren, der aber in einem als rechts geframten (?) Dresdener Verlag erschienen sei. Die Gedichte gefielen ihr, jedoch fürchte sie, dann ebenfalls von dem Bannstrahl getroffen zu sein.
Zu meiner großen Erleichterung stellt der Vorstand klar, dass für PEN die Freiheit des Wortes, auch wenn man das Wort nicht teilt, an erster Stelle steht. Das halte ich für einen immens wichtigen und richtigen Standpunkt.
Die Diskussion ist erwartungsgemäß konträr. Als bei der KI-Debatte ein Befürworter einwirft, vielleicht übertreiben wir es ja auch mit der Individualität und dem Bedürfnis nach subjektivem Ausdruck, denke ich nur Oha! Sofort fallen mir die Thesen des Transhumanismus ein, mit dem ich mich wg. einer Podiumsdiskussion beim DLF mal intensiv beschäftigt habe. Wenn ein Autor auf seinen subjektiven Ausdruck als Alleinstellungsmerkmal verzichtet, schafft er sich selbst ab.
Ganz abgesehen davon ist es auch vom rechtlichen Standpunkt eine Katastrophe, dass jedes veröffentlichte Buch unentgeltlich in die KI eingespeist wird und zu deren never ending Lernprozess beiträgt. Die globalen Techplayer sind juristisch nicht greifbar. Ohne jedes Hindernis stehlen sie weltweites geistiges Eigentum, um sich selbst zu bereichern und uns, die KünstlerInnen des Wortes, zu enteignen. Wie kann man da als Autor neutral sein? Das ist mir unbegreiflich.
Ich gehe mit dem Gefühl der Bereicherung aus der viertägigen Veranstaltung. GsD habe ich im Hotel wunderbar schlafen können, sonst wäre es anstrengend geworden. Einen Nachmittag schwänze ich und treffe mich stattdessen mit meiner Nichte & Mann & deren drei süßen Kindern. Am letzten Tag flitze ich, bevor der Zug abfährt, noch schnell zum Dürer-Haus. 40 Minuten bleiben mir für den Rundgang. Unbedingt lohnend! Ein Selfmademan und super Promoter in eigener Sache. Ähnlich wie Luther übrigens, den Dürer verehrt und unterstützt, jedoch zu seinem Leidwesen nie persönlich kennengelernt hat.