Dienstag, Tübingen. Max Frisch, so sein Landmann Adolf Muschg ironisch, habe das Thema Identität nicht direkt erfunden. Aber niemand wisse damit so virtuos umzugehen wie der Schweizer Autor in den drei großen Werken Andorra, Stiller und Mein Name sei Gantenbein.
„Ich probiere Geschichten an wie Kleider“, sagt Gantenbein. Das Leugnen des eigenen Ich, der Versuch ein anderer zu sein, die Flucht aus dem eigenen Ich in eine neue Identität – das sind die Gedankenexperimente, die Frisch hier durchspielt. Um zu erkennen: Es gibt doch kein Entkommen aus der eigenen Identität. Die Hölle sind eben nicht, wie Sartre behauptet hat, die anderen, sondern das sind wir selbst.
Der Stiller und der Gantenbein waren meine Lieblingsbücher, als ich 14 war. Ich entdeckte das Wort Selbstverwirklichung. Das fand ich toll, ich strapazierte es ein bisschen über, was bei meinen Eltern nicht gut ankam. Die beiden Romane haben meine Denk-DNA geprägt, vielleicht haben sie dazu beigetragen, dass ich mit 15 zuhause ausgezogen bin.
Das Freibad Letzigraben in Zürich ist eines der architektonischen Denkmäler von Max Frisch. Viel zahlreicher und nachhaltiger, als Steine es sein können, sind seine literarischen Denkmäler. Der Stiller aus dem Jahr 1954, beginnend mit dem ikonischen ersten Satz „Ich bin nicht Stiller“, ist gerade verfilmt worden. Darauf bin ich wirklich gespannt.