Samstag, B.N. Die obersten Repräsentanten der beiden großen Kirchen zeigen sich erschüttert angesichts des jüngsten Amoklaufs in Trier. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, beklagt auf Facebook „Abgründe von Leid“. Er betet, dass die Angehörigen der Opfer Stärkung erfahren und die Verletzten wieder gesund werden.
Der stets wie aus dem Ei gepellte Bedford-Strohm ist ein Meister des wohlplatzierten Wortschwalls. Für Menschen außerhalb der Kirchenhierarchie, also für den Normalo, der einfach Antwort auf eine konkrete Frage haben will, muss sich das unerträglich anhören. Kleine Kostprobe aus seinem Zukunftspapier Kirche auf gutem Grund:
„Parochiale Strukturen werden sich wandeln weg vom flächendeckenden Handeln hin zu einem dynamischen und vielgestaltigen Miteinander wechselseitiger Ergänzung. Das Gottesdienstangebot wird insgesamt kleiner, aber es wird auch vielfältiger und darum nicht ärmer werden …“ und so weiter und so weiter (Kirche auf gutem Grund – Elf Leitsätze für eine aufgeschlossene Kirche, 03. Juli 2020)
Was Bedford-Strohm sagen will: Die ortskirchliche Gemeindestruktur wird ausgedünnt zugunsten digitaler Vernetzungsmöglichkeiten. Davon vor allem handelt sein Papier der Zukunft, an dem er und seine kirchliche Zukunftstruppe drei Jahre lang gebosselt haben (2017-2020). Ob diese Reform von oben geeignet ist, den dramatischen Mitgliederschwund aufzuhalten? Zum Glück wehrt sich das verbliebene Kirchenvolk gegen eine aufoktroyierte Reform. Gegen das Establishment, gegen die Hierarchie. Und plädiert für die Parochie und für den/die Pfarrer*in vor Ort. Nachzulesen etwa in dem schönen Beitrag vom Münchner Theologieprofessor Reiner Anselm im Sonntagsblatt.
Wo war die Kirche eigentlich in den vergangenen zehn Monaten während der Coronakrise? Wieso schlossen sich in beiden Lockdowns sofort die Kirchenpforten (als wären die Sonntagsgottesdienste gerammelt voll!), ohne flächendeckend nach Alternativen zu suchen? Wieso ist beispielsweise in Tübingen das gesamte Haus der Kirche – in dem sich u.a. auch das Schuldekanat befindet – geschlossen und der Eingang dramatisch mit rot-weißen Bändern abgeriegelt, während wir im „Amt“ unterrichten – unter anderem das Fach Religion?
„Die Kirche der Zukunft wird eine sich wandelnde Kirche sein, damit sie auch zukünftig ihrem Auftrag gerecht werden kann. Der Weg der evangelischen Kirche wird eine Haltung aller Beteiligten brauchen, die getragen ist vom Mut voranzugehen und zugleich von Gelassenheit und Zuversicht, denn nur dies macht ein „Segeln-hart-am-Wind“ möglich. …“ (Schlusswort der elf Leitsätze)
Hart am Wind? Wo bleibt die Kirche, wenn einer abstürzt, aus der Gesellschaft fällt und nicht mehr weiß, wohin? Wenn einer mit dem Gedanken spielt, aus lauter Wut und Hass Amok zu laufen, weil ihm der Blick verstellt ist? Was hilft dem das Floskeltum der Bischöfe, was die zunehmende Vernetzung? Ist die im konkreten Fall nicht vielmehr ausgesprochen kontraproduktiv? Wenn jemand einen Menschen, menschlichen Zuspruch sucht, und er findet nur noch einen Link?