2 Familienromane

Samstag. Zwei Familienromane parallel: Natalia Ginzburg, Alle unsere Gestern (Wagenbach 2025), und Iris Wolf, Die Unschärfe der Welt (Klett Cotta, 2025). Der eine Pflicht, der andere Kür (oder Belohnung).

Die beiden Männer umarmten sich, und Bene dachte, dass es eine Umarmung war, die keine Zeit kannte. (Wieso?) … Laub raschelte, Vögel flogen auf. Ein Geräusch von absoluter Gegenwärtigkeit (Wieso?) Dann sah er eine Frau. Dünn, fast hager, im dunkelblauen Mantel, das Kopftuch am Hinterkopf geknotet. Inr Gesicht trug noch denselben entschiedenen, kompromisslosen Zug, der ihr zu eigen war. (S. 176)

Hilfe, hilfe, ich ertrinke! In viel zu vielen Worten. In Adjektiven. Adjektive mag ich nur sparsam verteilt. Wie Mokkabohnen auf einer Nachspeise und nicht wie Parmesan auf Nudeln. Und immerzu entsteht in meinem Kopf die Frage: Wieso? Wenn sie mich wenigstens überzeugen könnten, die vielen Worte.

In diesen Tagen küssten sie sich wenig, Giuma hatte zu viel zu erzählen und ließ fortwährend das schwarze Gehäuse aufspringen, um nachzusehen, ob es schon Zeit war, zu Danilo zu gehen. … Dann lief es mit Danilo und ihm plötzlich nicht mehr so gut, Anna merkte es sofort. (S. 108)

Ah, diese Wohltat! Ich darf selber denken. Das kann ich nämlich schon: die Gesten der Protagonisten deuten, und da die Auswahl der Gesten brillant ist, werden sie mir schon die richtige Richtung weisen.

Die Unschärfe der Welt war ein Geschenk, mit einer ganz lieben Karte darin. Ein Buchgeschenk ist manchmal eine Verpflichtung, die habe ich angenommen. Ich bin jetzt durch und erleichtert. Auch von den vielen schweren und unnötigen Worten. Iris Wolf ist noch keine Fünfzig, sie pflegt einen altertümelnden Stil. Das Wort „dergestalt“ las ich das letzte Mal bei Heinrich von Kleist. Heißt für sich genommen noch nichts, klar, aber in der Summe schon. Natalia Ginzburg ist Jahrgang 1916 und schon lange tot, doch sie beherrscht wie keine Zweite die Reduktion. Und das „Show, don’t tell!“ 

Heute, im Liegestuhl in der Sonne auf dem Balkon, fange ich Ein menschlicher Fehler von Kim Hye-Jin an (Hanser, 2023). Ich liebe asiatische Autor*Innen. Sie reduzieren ihre Sätze bis zur Banalität. Aber sie sind nicht banal. Sie sind die Essenz. Mehr braucht’s nicht.

Am Abend ist Theater angesagt: Orwells „1984“. Bin sehr, sehr gespannt …