Lost children

Dienstag. Später habe ich in großem Stil abgeräumt. Tasche auf, einmal übers Regal gefahren, und raus. In der Zeit habe ich richtig gut gelebt. Die Parfums verkaufen sich ganz easy, ich bin immer alles losgeworden. Inzwischen war ich ja auf Heroin, ich brauchte das Geld. Einmal hat mich dann eine festgehalten, bis auf die Karlstraße raus hing die an mir wie eine Klette, und dann bin ich eingefahren. Als Ladendieb kommst du rein, als Autoknacker raus. Zwei Jahre Bau, da lernst du alles.
Er erzählt das wie eine Filmszene. Wir lachen ein bisschen, es klingt lustig, bis der Satz fällt: Ich war eben ein schwieriges Kind. Das sagen sie alle: Ich war ein schwieriges Kind – ein Satz, den sie wohl oft gehört haben. In der 6. Klasse Schule abgebrochen, weil er mit dem Tod der Mutter nicht klarkam. Vater bis dato abwesend. Später doch zum Vater, der ihn regelmäßig mit der Hundeleine prügelt, bis er zurückschlägt. Der Vater wirft ihn raus, da ist er 17. Es folgen mehrere Jahre auf der Straße, Drogenkonsum, Drogenverticken, um den Konsum zu finanzieren, er erkennt die Zusammenhänge, er findet einen Therapieplatz und die Therapie scheint zu greifen.
Oh mein Gott, ein wunderbarer Fall, bei dem die Therapie greift und nicht noch mehr zerstört; andere erzählen von tagelangem Eingesprerrtsein in der Gummizelle oder, noch schlimmer, in der Feststellungszelle, wo der Körper an vielen Stellen fixiert ist, wo einem der Pinkeltopf untergeschoben wird, und die Kamera alles festhält, gnadenlos, wehrlos ausgeliefert, sediert von Spritzen und Tabletten.
Meine neue Gruppe. Schwierige Kinder allesamt und jetzt Erwachsene mit Schwierigkeiten.
Siddharta ist mein Lieblingsbuch von Hesse. Der weiß, wovon er schreibt, der war immer anders und hat das durchgezogen, sagt D.
Wie bist du denn auf Hesse gekommen?, frage ich ihn.
Im Knast.
Da steht Hesse? Ich glaubs ja nicht.
Ja, alles von Hesse, hab ich alles gelesen. Den verstehe ich, sagt D, ebenfalls Schulabbrecher ab der 6. Klasse. Alte, weise Sechstklässler.
Die meisten von ihnen haben einfach irgendwann aufgehört zur Schule zu gehen. Drei Exhäftlinge, einer muss wahrscheinlich wieder rein, das Urteil steht noch aus. Und alle haben sie eine beschissene Kindheit hinter sich, die sie zu sogenannten schwierigen Kindern gemacht hat.
Bei der kreativen Schreibaufgabe legt D. einen wunderbaren Text über einen Streitabend seiner Eltern hin, als sie noch seine Eltern waren. Die anderen sind hin und weg, klatschen Beifall.
Woher kannst du das, frage ich ihn nach dem Unterricht. Du schreibst doch nicht zum ersten Mal.
Nee, ich hab vorhin nicht alles über mich erzählt. Und dann zeigt er mir Fotos von Miniatur-Bauwerken, die er aus winzigen Holzsteinen fertigt, und die Holzsteine fertigt er aus kostengünstigen Leisten aus dem Baumarkt, die er zersägt und abschleift, das ist eine unvorstellbare Arbeit, die macht er liebevoll und gründlich, aber verkaufen lassen sich die Bauwerke nicht, weil sie viel zu teuer wären.
Und ein Buch habe ich auch mal geschrieben, sagt er. Aber auf der Straße brauchte ich mal Papier fürs Feuer, und dafür musste dann der Block herhalten, und die Geschichte war weg.
Weg.
Wieviel ist schon weg für diese Jugendlichen, für die der Staat, genauer, das Jobcenter, immerhin diesen Kurs zahlt, und ich habe die Gelegenheit, mit ihnen zu reden, zu schreiben, Gedanken zu sortieren. Weil es sich um jeden Einzelnen lohnt, diese lost Children, die so lost gar nicht sind.