Sonntag. In meiner dauerunbeantworteten Frage, was Heimat ist, komme ich insofern weiter, als ich inzwischen überzeugt bin, dass es (für mich) mit Orten zusammenhängt.
Die innere Heimat, das Schreiben in meinem Fall, was ja praktischerweise überall geht, reicht mir nicht. Es ist vielleicht die wichtigste Heimat, aber nicht die einzige. Tübingen ist meine Heimat. Ich gehe durch Straßen, komme an Häusern und Plätzen vorbei, die voller Erinnerungen sind. Eisenach ist inzwischen auch Heimat. Unser Lieblingsurlaubsort in Italien ist Heimat. Dort anzukommen, löst jedes Mal eine ganz wilde, fröhliche Freude aus.
Heimat sind aber auch familiäre Orte. Ich war vielleicht selbst nie dort, aber sie dann zu sehen und zu wissen, dort haben die Großeltern gelebt, dort hat die Mutter auf der Flucht aus einem brennenden Haus die verkohlte Bibel gerettet, die jetzt noch in meinem Bücherschrank steht, dort hat der Onkel gekämpft und ist angeschossen worden, was ihn für das ganze restliche Leben gezeichnet hat – das alles berührt mich, weil es mich an-geht. Es hat mit mir zu tun, es ist Teil meines Innersten.
Für viele Jugendliche ist das Handy Heimat. Es zu verlieren, allein die Vorstellung löst blanke Panik aus. Es enthält alles, was sie sind, „mein Handy ist ich“, hat mir kürzlich jemand gesagt. Das Handy zu verlieren, versetzt auch mich in Panik; nicht, weil ich es so liebe, sondern weil so viel drin ist, was ich brauche. Und Fotos. Erinnerungen. Von Verlust wissen PM und ich ein Lied zu singen, seit die Ahrtalflut alles – wirklich alles – mitgenommen hat. Und doch ist auch Bad Neuenahr Heimat, vielleicht eine, die ich mir ausgerissen habe. Die Zukunft, die wir uns dort ausgemalt haben, hat nicht stattgefunden. Dafür hat die Flut uns in eine neue Heimat gespült. Eine, die es mir nicht immer leicht macht. Und trotzdem …