Ein Abend

Sonntag. Die Thüringer feiern viel.
W.s Party findet auf seinem Hof statt, den er vom Großvater geerbt hat. Da, wo wir sitzen, sind früher 200 Schweine rumgelaufen. Da, wo das Buffet aufgebaut ist, war früher der Futtertrog. Seine Großeltern seien gezwungen worden, sich einer LPG anzuschließen, was sie nicht wollten, aber mussten. Viele DDR-Geschichten, Bitterkeit über gebrochenes Selbstbewusstsein, über verhinderte berufliche Wege, aber auch Glück über unbeschwerte Kindheiten und intensive Freundschaften, die bis heute halten.
Eine Jägerin erzählt PM vom Ansitz und vom Ausnehmen (man schneidet um den Anus herum und verknotet die Speiseröhre, damit der Brei nicht das Fleisch kontaminiert) und vom Zerteilen über der Wanne in der heimischen Garage. Beim Zerlegen sei kürzlich das Herz nicht mehr aufzufinden gewesen, dabei sei es ein recht großes Organ, es war schlicht und einfach zerschossen. Auf ihre Treffsicherheit ist ihr Gatte stolz. Ich schwanke zwischen Ekel und Faszination, liegen ja oft dicht beieinander.
Abendrot über dem Hainich, das Grundstück ist so riesig wie ein verwunschener Märchengarten, geht immer noch weiter an Obstbäumen, Fachwerkhütten, einem Teich vorbei. Überall stehen allerliebst mit Sonnenblumen und Kerzen dekorierte Tische, das Wort Lustwandeln kommt einem in den Sinn, ein Garten voller Überraschungen und Geheimnisse.
Kennst du sie von früher, frage ich beim Nachhausefahren, und meine die Jägerin.
Das war Y., sagt PM. Um ein Haar hätten wir geheiratet, wenn ich nicht in letzter Sekunde Reißaus genommen hätte.
Ach so, die, sage ich und wundere mich und sehe, dass auch er sich wundert.