Asymmetrien

Mittwoch. Wenn einzelne KI-Creators vor ihrem eigenen Produkt warnen, zum Teil sogar aus ihren Projekten aussteigen, wie Möbius in Dürrenmatts Physiker es vergeblich versucht, dann kann niemand mehr so tun, als sei künstliche Intelligenz der reinste Segen.

Folgte man dem Narrativ der großen Technologieunternehmen, dann wäre der Weg über die KI unumgänglich und sogar moralisch wünschenswert und notwendig für das langfristige Überleben der Menschheit. Allerdings zeigt sich, dass die Weltanschauung der Tech-Ideologen mit der Vorstellung vom Menschen als selbstbestimmtes und verantwortungsbewusstes Individuum nicht kompatibel ist. Und sie damit das brandgefährliche Gegenmodell zur Demokratie darstellt.

Die KI ist nur ein Kernsegment der aktuellen IT-Industrie, und sie befindet sich in brisanter Nähe zu Denkmodellen des libertären, elitistischen und antiegalitären Transhumanismus. Der hat sich die Ausblendung des Körpers mit all seinen Anfälligkeiten und Unwägbarkeiten auf die Fahne geschrieben. Insofern hat der TH mit Humanismus nichts zu tun, da es ihm ja gerade um die Überwindung des „biobasierten“ Menschen geht. Vordenker wie Ray Kurzweil oder Nick Bostrom versprechen nicht weniger, als dass der zukünftige Mensch sich sämtlicher Zumutungen wie Krankheit, Behinderung, Alter und Tod, aber auch Armut und soziale Herkunft oder Geschlecht entledigen kann – wenn sein kostbares Gehirn erst zur Datei wird und sein lästiger Körper irgendwie verschwindet (wie genau, bleibt eine Leerstelle und lässt Raum für schlimmste Vermutungen).

Will ich das? Wer reguliert die Entwicklung der KI, die jetzt schon aus den Fugen zu geraten droht? Wer schützt vor Profitgier und Machtmissbrauch? Obwohl mittlerweile ca. 900 Millionen User wöchentlich auf ChatGPT zugreifen, durchschaut kaum jemand, was im virtuellen Universum vor sich geht. Der ideale Boden für die Tech-Elite, Simsalabim ein menschliches Gefühl aus dem Hut zu zaubern und es quasireligiös darzubieten: Vertrauen! Wir sollen darauf vertrauen, dass Sam Altman (CEO und Gründer von Open AI), Zuckerberg and so on die Welt aus dem Elend in eine goldene, energiegeladene, sonnige Zukunft führen.

Ich frage euch: Ist euer Vertrauen zum Führer heute größer, gläubiger und unerschütterlicher denn je? Ist eure Bereitschaft, ihm auf allen seinen Wegen zu folgen und alles zu tun, was nötig ist, um den Krieg zum siegreichen Ende zu führen, eine absolute und uneingeschränkte?, fragte Joseph Goebbels das deutsche Volk in der Sportpalastrede vom 18. Februar 1943, und das Volk geriet ins Delirium vor lauter Begeisterung.

Mit dem Anspruch, das Gewissen des Volkes zu sein, hat Hitler, und in seinem Namen Goebbels, die emotionale und intellektuelle Unterordnung der Deutschen unter die Führung der Nationalsozialisten eingefordert. Vertrauen und Gehorsam mussten Militärs, Beamte, SS-Männer, HJ-FührerInnen und sogar Jugendliche beim Eintritt in den BDM per Eid geloben.

Soweit sind wir noch nicht, obwohl wir alle unsere Daten vertrauensvoll abliefern, ohne uns ein genaues Bild zu machen, was damit geschieht beziehungsweise wie sie verwertet werden. Und statt Begeisterung für den Führer ist es heute eher Resignation, was Menschen sich der Macht der Zukunftstechnologien unterordnen lässt. Diese Resignation ist überall greifbar, sie ist zum gesellschaftlichen Grundton geworden. Hervorgerufen wird sie u.a. durch die beispiellose Asymmetrie an Wissen und Macht, mit der der Überwachungskapitalismus operiert. Überwachungskapitalisten wissen alles über uns, während sie sich uns gegenüber unkenntlich machen. Die Macht der Algorithmen spüren wir im Kleinen schon bei jedem Telefon-„Gespräch“ mit Behörden und Unternehmen, mit Arztpraxen und sogar Kirchenämtern. Bei jedem dieser „Gespräche“ fühle ich mich entmündigt. Ich kann nichts entscheiden. Ein falscher Klick, und das Telefonat ist beendet. Wo bleibt mein Handlungsspielraum? Mein eigener Maßstab? Meine Autonomie? Meine Initiative?

Die ist KOMPLETT unerwünscht! Click and enter, bitte weiter nichts! Algorithmen ersetzen meine Freiheit, sie sind sozusagen ein Gegenmodell zur Idee von der menschlichen Autonomie. Oder positiv, aus Sicht der Tech-Unternehmen: Wir nehmen dir das Denken und das Handeln ab. Nicht du musst deinen Handlungsspielraum ermessen, sondern das erledigt der algorithmische Output für dich. Freiheit, Selbstbestimmung – diese überschätzten Sachen werden überflüssig, weil die Zukunft sich auf viel effizientere Weise herstellen lässt. Vertraue dem Algorithmus, vertraue der KI, vertraue uns reichen und mächtigen Tech-Führern, dann kannst auch du vielleicht eines Tages so reich und mächtig werden wie wir.

Leg alles ab, was Kant dich über das Heraustreten des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit gelehrt hat. Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen? Brauchst du doch gar nicht. Die KI erlaubt dir, unmündig zu sein. Irgendwann wirst du es nicht mehr merken.