EMMA sei Dank!

Freitag, Tübingen. Ist das typisch deutsch? Heldinnen und Helden zum Abschied einen Arschtritt auf den Weg mitzugeben? (So wie die TAZ am 21.10.2026 Alice Schwarzer, wird hier bewusst nicht verlinkt.)

Ich glaube, ja, und ich möchte mich ausdrücklich von dieser Haltung distanzieren. Ich feiere gerne und ich feiere gerne Menschen, deren Lebenswege sie zu meinen persönlichen HeldInnen gemacht haben.

Wie Alice Schwarzer. Als ich alt genug war mir die EMMA zu kaufen, war das ein besonderer Moment für mich. Ich habe das Heft – und in den Folgejahren viele Hefte – in meiner achtzigerjahretypischen offenen Basttasche herumgetragen, der Titel für alle Welt sichtbar. Ich war stolz, eine EMMA-Leserin zu sein. Ich fühlte und fühle mich als linke Feministin genau von diesem Blatt gut aufgehoben – gut verstanden.

Bis zuletzt habe ich mir immer mal wieder eine EMMA Ausgabe gekauft, nicht bloß aus Solidarität, sondern weil ich ihren Geist mag. Auch Schwarzers Haltung zum Ukrainekrieg, für die sie ja von allen Seiten unflätig beschimpft wurde, liegt mir nahe. Weil er reflektierter ist und nicht dem schlichten Gut-Böse-Schema aufsitzt.

Schwarzer ist bis heute das, was ich unter einer aufrecht kämpferischen Intellektuellen verstehe. Aufrecht und kämpferisch und intellektuell ist alles gleich bedeutend. Ihre Feinde bzw. Feindinnen (komisch, dass eine Feministin Feindinnen hat) sind sog. linke Feministinnen. Sog., weil linker Feminismus für meine Community etwas anderes bedeutet als für sie. Niemals hätten wir offen Frauen angegriffen (ganz schlechter Zickenstil), niemals hätten wir den migrantischen Machismus GEGEN Frauen verteidigt.

Gerade an dieser absurden Haltung zeigt sich die Wurzel des Konflikts. Für mich/uns galt und gilt der Grundsatz vom Haupt- und Nebenwiderspruch, insofern der Hauptwiderspruch unbestreitbar das Patriarchat ist. Dessen Krakenarme auf allen Ebenen in allen Ländern der Welt wirksam sind. Der männlichen Vorherrschaft in seinen Ausprägungen wie Chauvinismus, Sexismus, Misogynie galt/gilt unser Kampf. Dagegen ist für sog. linke Feministinnen der heutigen Ausprägung, die von US-Stimmen wie Judith Butler geleitet sind, der Hauptwiderspruch der Kapitalismus. Aber auch in sozialistischen Ländern werden und wurden Frauen unterdrückt; weshalb in meinem politischen Umfeld diese Einschätzung als offensichtlicher Irrtum abgelehnt wurde/wird.

Unendlich schade, dass EMMA eingestellt wird. Aber auch konsequent, und das war Schwarzer immer. Wo sie die Erfahrung macht, dass frau (!) ihre Auftritte stört, sie am Sprechen hindert, sie als Feindin stilisiert und sie damit zwingt, ihrerseits gegen Frauen zu kämpfen, da wird der Feminismus zu Absurdistan. Gut, dass sie aufhört. Das was sie geschafft hat, wird nach ihr niemand mehr schaffen. Weil es auch nicht mehr nötig ist. Die Weichen haben Schwarzer und ihre Mitkämpferinnen gestellt, sie hat das patriarchalische Mindset von Millionen Menschen verändert.

Ein Stück publizistische Vielfalt ist damit zuende. Ich bedaure das. Und verstehe es.