Orwell’sche Hassminuten

Und immer und immer wieder neue Schreckensmeldungen über Putin.

Ich behaupte ja nun wahrlich nicht, dass er ein Liberaler, ein Politiker im aufklärerischen Sinne, ein „lupenreiner Demokrat“ sei. Aber deshalb möchte ich trotzdem keine Kriegs-Rhetorik hören, ich möchte keine verbale und keine tatsächliche Aufrüstung, ich möchte kein Spiel mit dem Feuer. Ich möchte auch keine Doppelbödigkeit. (In Orwells Dystopie „1984“ heißt das „Doppelsprech“.)

Ich wundere mich, dass wir uns aktuell über den vergifteten russischen Doppelagenten Sergej Skripal erregen, der in der südenglischen Kleinstadt Salisbury bewusstlos aufgefunden wurde, aber kein Mensch spricht mehr von 5 (fünf!) toten, ganz jungen Zeugen im NSU-Prozess mitten in unserer liberalen, aufgeklärten und an den Menschenrechten orientierten BRD (vielleicht, weil sie dem rechtsradikalen Umfeld angehörten? Vielleicht, weil es gut ist, dass sie tot sind?).

Unsere Messlatte fällt sehr unterschiedlich aus, je nachdem, wo wir sie anlegen. Putin untersteht in jedem Fall anderen Kriterien als unsere Waffengroßabnehmerbusenfreunde Saudi Arabien, warum erregt sich darüber niemand? Warum erregt sich niemand ernsthaft darüber, wie Erdogan an den Kurden handelt? Warum immer nur Putin?

In Orwells „1984“ gibt es die täglichen Hassminuten, in denen die Untertanen auf Linie gebracht werden sollen: Sie lernen zu hassen, wen sie von sich aus niemals hassen würden. Genauso kommt mir der mediale Umgang mit Russland / Putin vor. Wir sollen Putin hassen.

Warum?