Heiße Liebe und Hit-Doppelkekse

Freitag. Ständig diese Déjà-vus, was das zu bedeuten hat? Den Kommentar der Kollegin habe ich schon hundert Mal gehört, das Gespräch mit XY schon x Mal geführt, diese Sache im Supermarkt ist mir genau so schon einmal passiert irgendwann irgendwo, vielleicht lebe ich schon zu lange, vielleicht wiederholt sich alles ab einem bestimmten Punkt, weil dem Leben bzw. einem selbst nichts Neues mehr einfällt. War eigentlich nie mein Problem, das mit dem Neuen, ich war immer die, die was anleiert, die was rausholt, was einer Sache das Sahnehäubchen aufsetzt, und woher kommt das jetzt?
Im „Amt“ läufts mit supernetten Lerngruppen, und in der Schreibwerkstatt haben wir Spaß. Eine völlig neue Truppe ist angetreten und mit dem Wechsel ein neuer Geist. Einer hat sich kürzlich geoutet zum Entsetzen seiner Eltern und kämpft sich jetzt so durch und sammelt Freundinnen um sich, die hat er alle angeschleppt. Er möchte Modedesign studieren, er zeigt mir seine zarten Entwürfe und zärtlichen Texte, die wir so noch nie hatten, und wir sind begeistert und geschlossen bei ihm und wünschen ihm, dass er es schafft.
Es sind die Besonderen, die sich freiwillig Woche für Woche zum Schreiben treffen und sich der Kritik und den Inputs aussetzen. Die damit was anzufangen wissen. Die wissen: indem sie an ihren Texten arbeiten, arbeiten sie an sich selbst. Wir trinken unseren Lieblingstee Heiße Liebe, essen Unmengen Hit-Doppelkekse und eine neue Form dominiert plötzlich die Selbstmord- und Liebesleidgeschichten des vergangenen Jahres: Das Märchen. Die, die schon länger dabei sind, tauschen verblüffte Blicke und fangen den Ball auf und finden es perfekt und feiern es und gehen die neue Richtung mit.
Ein gefühltes Viertel des Jugendlichen-Wortschatzes ist neuerdings Englisch oder vielleicht eher Amerikanisch. Manches verstehe ich nicht und muss fragen und bin glücklich. So viele neue Wörter! Wenn Ich jetzt aufhören würde – ich spiele ständig mit dem Gedanken – , würde ich die neuen Wörter verpassen. Verpassen ihr Lachen und ihre Ernsthaftigkeit. Eine Vorstellung, die weh tut. Und trotzdem ist da die Überzeugung, dass ich lebenstechnisch an einem Wendepunkt angekommen bin (ohgotto, klingt das deep). Dass ich hier rausgeholt habe, was rauszuholen ist, und Abschied tut bekanntlich immer weh.
Vielleicht melancholiere ich auch bloß auf hohem Niveau … und heute Abend gehe ich mit PM in eine Kneipe, die wir noch nicht kennen: Der Pausenhof am Sternplatz. Eine neue Bekannte (sie wohnt im 4-Häuser-Projekt / Mietshäuser Syndikat bei mir um die Ecke) hat mich darauf gebracht, vielleicht kommt sie auch. Ist doch mal ein Anfang.