Mittwoch. Es langweilt mich, über die ab Montag geltenden Lockerungen der Corona-Regeln zu schreiben. Die Infektionen steigen weiterhin steil an, und Lockerungen zu diesem Zeitpunkt scheinen widersinnig. Andererseits sind die Erkrankungen längst nicht mehr so schlimm wie am Anfang, andere Länder wie die Schweiz oder Holland haben sämtliche C-Regelungen sogar komplett aufgehoben, ohne dass ihr Gesundheitssystem zusammenbricht.
Die Menschen um mich herum sind in sehr gedrückter Stimmung. Es gibt zu viele schlechte Nachrichten und kaum gute. Mittlerweile suchen vier Millionen Geflüchtete aus der Ukraine eine Bleibe zum Überleben, die meisten davon Frauen mit ihren Kindern, während ihre Männer im Krieg sind. Die Natur tut ein Übriges: Trockenheit ohne Ende, schon wieder Staub aus der Sahara statt dem dringend notwendigen Regen. Und das im März …
Der brutale Krieg in der Ukraine hält an, die Verhandlungen stocken, die deutsche Politik plant den Komplettausstieg aus russischen Gaslieferungen, und das funktioniert ja wohl nur über Lieferungen aus Katar u.ä. und (Wieder)aktivierung von Kernkraftwerken. Greenwashing, wohin das Auge reicht!
Meine persönliche Meinung: Habeck und Baerbock machen genau die Politik, vor der ich mich schon im Vorfeld der Ampel gefürchtet habe. Ich finde also gar nichts gut daran, wie sie sich schlagen. Vielleicht fehlt mir die Fantasie, was an Habecks tiefem Diener vor dem Scharia-Emir von Katar besser sein soll als das Gas weiterhin aus Russland zu beziehen. So oder so finanzieren wir energiegefräßigen Europäer einen Krieg mit: hier gegen die Ukraine, dort gegen den Jemen, warum der eine weniger katastrophal als der andere sein soll, entzieht sich meinem Verständnis. Das sind die Früchte der Globalisierung, neben all den wunderbaren Handelsbeziehungen, ohne die es angeblich keinen Fortschritt / keine Zukunft gibt.
Wertebasierte Politik? Feministische Außenpolitik? Meine Werte und mein Verständnis von Feminismus sind darin jedenfalls nicht enthalten. Ich will definitiv kein Gas und kein Öl von Ländern, die reihenweise Systemkritiker*innen hinrichten wie in Katar – s. aktuellen Amnesty International Bericht -, und vom Mörderprinzen von Saudi-Arabien, der missliebige Personen gerne mal im Ausland ermorden und in Säure auflösen lässt, erst recht nicht. Alles andere lieber als das!
Was mir auffällt: Ich bin zunehmend empfindlich gegen Verlogenheit. Wir leben in einer permanenten Doppelmoral, und unsere Politiker*innen gehen da munter voran. Ich versuche, bei mir zu bleiben. Das Unbehagen an der politischen Kultur durch Privatheit auszugleichen. Ich stelle zum Beispiel fest, dass ich erklärtermaßen mehreren Menschen fehlen werde, wenn ich von Tübingen weggehe. Das macht mich melancholisch und freut mich aber auch. Am WE treffe ich mich mit meinem lieben T. und E. zum Haaggassenflohmarkt und anschließend gehen wir essen. Meine liebe L. ist für drei Wochen in einem Land, von dessen Existenz ich bislang nichts wusste: Antigua und Barbuda heißt es, ich musste es googeln, und nun freue ich mich schon, bei aller Angst, die ich um sie habe, wenn sie wieder zurück ist. Mit meinen Freundinnen Mecki und Susanne stehe ich in regelmäßiger Verbindung. PM ist so tief in meinem Herzen verwurzelt, dass ich mir ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen kann. Dafür bin ich dankbar, das ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Mein Entschluss, mit der Arbeit im „Amt“ aufzuhören und nur noch zu schreiben, wird gerade torpediert durch Angebote aus dem „Amt“, doch wenigstens in kleinerem Umfang weiterzumachen. Meine Entscheidung war schon gefallen, jetzt werde ich wieder unsicher. Andererseits: mehrere Optionen zu haben ist eindeutig besser als gar keine.
PMs Vater geht es schlecht. Der alte Herr hat Corona überstanden und war schon wieder auf dem Weg der Besserung. Doch heute morgen wurde PM benachrichtigt und sprang sofort ins Auto und donnerte nach Eisenach. Endgültiger Abschied zum wievielten Mal? PMs Vater und meine Mutter – das verbindet uns, Todessehnsucht und Versessenheit aufs Leben ist eine Mixtur, die geeignet ist, die Angehörigen auf Trab zu halten. Lebenslänglich. Da ist die Frage: Wie werden wir es einmal halten, wenn wir alt sind? Man kann daraus nur lernen, ändern nichts.
Aus dem Augenwinkel sehe ich den nackten Gérard Depardieu in der Glotze. Ein ekelhafter Sack, ich mochte ihn nie, und dennoch hat er einen schönen Hintern. Das ist hochsymbolisch, oder liegt das an dem Limoncello, den ich mir gerade genehmige, oder wie? Ying und Yang, der schöne Hintern vom grässlichen GD … hat direkt was Tröstliches.