Samstagmorgen

Während sie auf den Tag anstoßen und nach dem Zug Ausschau halten, wickeln sie ihre Steppjacken und Wollmäntel eng um die nigelnagelneuen Dirndlkleider vom chinesischen Online-Anbieter. Ihre Füße stecken in vernünftigen Stiefeln, in Sneakers mit weißen Nike-Baumwollsocken oder einfach mal in schwarzen Gummistiefeln. Aus ihren Flechtfrisuren tropft Regenwasser, die tiefgeschnittenen Dekolletés und rosa Handtäschchen reißen das natürlich wieder raus. Die Jungs tragen kurze Trachtenhosen und komische Federhüte und auch Sneakers. Manche betonen ihre Waden mit handgestrickten Stulpen. Wenn sie sich dann noch bei Opas Haferlschuhen bedient haben, sieht das plötzlich nicht mehr nach Karneval, sondern nach Griesnockerlaffäre aus. Sie halten sich mehrheitlich an die Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln, sie sind freundlich und besoffen, die Augen hinterm Make-up oder hinter der Sonnenbrille schon ziemlich verschwiemelt, sie freuen sich auf einen ganz tollen Tag. Die Jungs klemmen sich die Six Packs zum Vorglühen zwischen die Füße, in den gefakten Karl-Lagerfeld-Bags der Mädels klappern kleine Feiglinge. Dazwischen, mitten im Gewühl, eine Gruppe mit einem Schild: Glücklich ist, wer sich nach diesem Buch mit seiner prophetischen Botschaft richtet. Offenbarung 22,7, und noch einem Schild: Keine Zeugen Jehovas!
Yes, ganz wichtig, dass die Christen sich voneinander abgrenzen. Christ ist nicht gleich Christ. Fahren die etwa auch mit? Stellung beziehen auf dem Oktoberfest?
Einsteigen, Platz erobern, Ohren aufgestellt: die fetten Sprüche rechts und links haben’s in sich! Nächster Halt: die nächste Fuhre. Ich muss dann mal raus.