Reisen

Donnerstag, unterwegs. 15 Min. zum Umsteigen. Auf dem Display das Piktogramm eines Laufmännchens. Also laufe ich. Und laufe. Trete endlich aus der Serpentinenendlosunterführung ans Tageslicht, die Viertelstunde ist rum, die Sonne brennt, hier muss es sein. Oder nicht? Ich überquere die sechsspurige Straße, finde nichts, wieder zurück. Kein Hinweis. Dafür einer im neonorangenen Komplettanzug hinter einer Art Tischchen, der weiß Bescheid. Sein Finger zeigt geradeaus. Wie weit?, frage ich.  Haus, sagt er und wiederholt die vage Handbewegung mehrmals: Weiter. Immer, immer weiter. Welches Haus?, schreie ich, wir sind von Häuserblocks umgeben. Haus, wiederholt er. Ich laufe am Steigenberger vorbei, das Steigenberger ist ein ziemlich imposantes Haus, aber wohl nicht das richtige. Ich folge der Rechtskurve. Stuttgart 21 habe ich jetzt halb umkreist, alle Achtung! Das Selbstlob schmeckt muffig, die Bluse klebt mir am Körper. Ich latsche noch ein sinnloses Stück weiter, wende den Koffer, und zurück. Wie weit zurück? Nochmal bis zum Steigenberger? Ich bleibe stehen. Einen auf ohnmächtig machen, was würde passieren? Die Treppe runter, schreit mir ein Typ zu. Welche Treppe? Der kleine Durchgang da hinten? Ich packe den Koffer am Griff und wanke step by step unter die Erde.  Und wieder geradeaus, untertage queren wir die Riesenkreuzung,  mein Koffer und ich, jetzt bloß nicht schlapp machen. Noch einmal packe ich seinen Griff und erklimme rechterhand die Treppe nach oben. Weiter geht es, na klar, geradeaus. Vor einem verratzten Betonklotz steht eine Menschenmenge. Das Haus! Ich stelle mich dazu, was sonst, ein elender Haufen, zu dem ich nicht gehören will, niemand will das, aber wer fragt dich? Statt laufen jetzt also warten. Wir alle warten. Auf den Schienenersatzverkehr. Der kommt nicht, wie er kommen soll. Die Luft brennt wegen der Sonne und der ungehemmten Aggression von sechzig Wartenden. Ich positioniere mich direkt am Straßenrand. Ich will rein, ich garantiere für nichts, wenn ich da nicht reinkomme. Der Bus biegt um die Ecke, hält an, Tür auf. Fotze!, tituliert mich einer, der Anstalten macht sich an mir vorbeizuschlängeln und plötzlich meinen Koffer auf seinen Zehen spürt. Fresse! Ich schmeiße mich auf eine Sitzbank, den Koffer im Auge haltend. Alle sind drin. Wie gut, dass ich gut drängeln kann. Ich gehöre nicht zu den armen Schweinen, die sich im Gang zusammenquetschen, während ihnen der Schweiß in den Kragen tropft und sie nicht wissen, wohin mit ihren Gepäckstücken. Ich sitze. Auch mir tropft der Schweiß in den Kragen und mein Koffer wandert langsam aber sicher aus meinem Blickfeld. Die Fluchtgeschichten meiner Oma fallen mir ein. Das Glück in sehr kleiner Münze. Dreck, Schweiß, Körperkontakt mit grässlichen Mitmenschen – geschenkt. Hauptsache sitzen.
Reisen mit der Deutschen Bahn.