Kunst und Autonomie

Donnerstag. Eine anmaßende, inzwischen zurückgetretene Biennale-Jury wollte Russland und Israel von vornherein von der Preisvergabe ausschließen.
Seine Galerie strich den jüdischen, in Haifa lebenden Künstler Belu-Simion Fainaru aus ihrem Portfolio, andere Künstler meiden ihn: Fainaru vertritt Israel auf der Biennale 2026 in Venedig.
Die Stimmung ist aufgeheizt, der psychische Druck auf ihn wächst: Aktivisten rufen zu Demos gegen Israel auf, seit Wochen wird der israelische Pavillon angefeindet, ja, das Canceln der Ausstellung von Belu-Simion Fainaru wird gefordert. Hunderte, zum Teil prominente Teilnehmer der Biennale, unterschreiben dafür Petitionen. In der kommenden Woche bis zur Biennale-Eröffnung am 9. Mai ist mit propalästinensischen Demonstrationen zu rechnen.
Fainaru spricht von seiner Isolation, die alte Ängste weckt. So etwas, sagt er, habe er noch nie erlebt. Aus dem Kunstfestival ist ein politisches Tribunal geworden. Der Judenhass sei für ihn physisch spürbar: Keiner rede mit ihm, keiner gehe mit ihm essen und trinken, statt dessen drehen sogar alte Weggefährten sich von ihm weg. Er spüre die Angst der Leute, selbst in Schwierigkeiten zu kommen, wenn sie sich mit ihm blicken lassen.
Er ist ein israelischer Jude. Das scheint auszureichen, ihn öffentlich und ohne Skrupel an den Pranger zu stellen. A
ntizionismus nennen sie es heuchlerisch, diese neuen, meist aus der linken Szene kriechenden Antisemiten, die sich menschenrechtlerisch gerieren, während sie im selben Atemzug Juden diskriminieren und exkludieren. Gerne würde er mal mit den Biennale-Kuratoren diskutieren, sagt Fainaru. Aber das sei leider nicht möglich: „Ihre Ausstellung will die Menschenrechte verteidigen, während mir meine genommen werden.“
Kein Wunder, dass ihm seine Zeit in Venedig wie ein Déja-vu der 1940er Jahre vorkommt. Würde der / die mich verraten oder schützen? – diese Frage, man mag es kaum glauben, stellt sich jüdischen Menschen heute wieder. Und wie damals vielleicht seine Vorfahren, bekommt auch der israelische Künstler gut gemeinte Ratschläge: „Trage eine Sonnenbrille.“ „Heuere einen Leibwächter an.“ 

Meine von einer jüdischen Mutter abstammende Mutter hat mir oft erzählt, dass sie als Jugendliche stets die Lippen eingezogen hat, um nicht „jüdisch“ auszusehen. Würdest du mich verraten? – die Frage aller Fragen wurde mir mit den Erzählungen meiner Mutter in die DNA implantiert. Ich kenne sie, ich habe sie mir oft gestellt, wenn es darum ging, jemanden richtig einzuschätzen. Tatsächlich stelle ich sie mir manchmal heute noch insgeheim, und manchmal beantworte ich sie insgemein mit: Ja, ich denke, das würdest du.

Ich habe dieser Tage die PEN-Charta unterschrieben, um meine Mitgliedschaft im PEN-Zentrum Deutschland zu bestätigen. Die ersten 3 Grundsätze lauten:

  1. Literatur kennt keine Landesgrenzen und muss auch in Zeiten innenpolitischer oder internationaler Erschütterungen eine allen Menschen gemeinsame Währung bleiben.
  2. Unter allen Umständen, und insbesondere auch im Krieg, sollen Werke der Kunst, der Erbbesitz der gesamten Menschheit, von nationalen und politischen Leidenschaften unangetastet bleiben.
  3. Mitglieder des PEN … verpflichten sich, mit äußerster Kraft für die Bekämpfung jedweder Form von Hass und für das Ideal einer einigen Welt und einer in Frieden lebenden Menschheit zu wirken.

Selten habe ich etwas mit einem so guten Gefühl der Zustimmung unterzeichnet.

 

Frühere Version von Belu-Simion Fainarus Projekt „Rose of Nothingness“
Frühere Version von Belu-Simion Fainarus Projekt „Rose of Nothingness“ (Quelle: Avital Bar-Shay)