Donnerstag, Tübingen. Wer über ein Kunstwerk nachdenkt, einen Roman, eine Skulptur, ein Musikstück, whatever, rückt dem Leben und dem Tod, weil der dazugehört, und allem, was um einen herum passiert und ist, näher. Das läuft auf einer Metaebene mit. Für andere verborgen, ist es immer da und lenkt mitunter ab und führt zu diesem glasigen Blick, mit dem kreative Menschen oft ihr Gegenüber belegen, um nicht unhöflich zu erscheinen, weil gerade etwas Wichtigeres ihre Gehirne in Bewegung hält.
Die künstlerische Persona tritt in einen ein, sehr früh, wann genau, weiß ich nicht, vielleicht schon mit der Geburt, oder im Kleinkindalter, während der Blick wie durch ein Mikroskop einen Stein, eine Schwertlilie, die Augen der Lieblingspuppe Roswita seziert, um ihren ureigensten Eigenschaften auf den Grund zu kommen. Es ist diese kleine, hauchdünne Schicht, die einen von anderen Menschen unterscheidet. Während ich das Leben lebe und meine Arbeit tue und meinen Pflichten und Freuden nachkomme, schreibt mein Gehirn am nächsten Roman. Ich suche nach der punktgenauen Version von Worten, immer. Plötzlich ploppt er auf, dieser Ausdruck oder dieser Satz von Seite 2 oder 83, der war nicht wirklich gut und rumort seit Wochen in meinen unteren Bewusstseinsschichten, und da ist die Lösung, hervorgerufen durch einen vorbeirasenden Zug oder ein Paar silberne Plateauschuhe – etwas, das mich anzündet und erlöst.
Schreiben ist Erlösung. Sonst wäre das Leben mir zu schwer.