Maßnahme

Montag. Nach sechs Stunden Unterricht fällt die Tasche mit dem schweren Ordner auf den Stuhl der kleinen Pizzeria in der Querstraße, ich plumpse auf den Stuhl daneben.
Mein Geist fühlt sich wie ein verknautschtes Papierknäuel an, das sich unter leisem Knistern langsam wieder entfaltet. Alle Gedanken, am Vormittag über- und ineinander geknetet, glätten sich. Muster treten hervor. Unwichtiges trennt sich von Wichtigem.
Sind wir denn die Deppen? Die Rechtsradikalen? Die AfD wählen, weil dumme Ossis? Fragt Tanja, und die anderen nicken.
Ich wähle die nicht. Die haben ja kein glaubwürdiges Personal, sagt Bernd. Aber wie wir in den Medien dargestellt werden, wie die Vollpfosten!
Gerade ist Born-Ketchup der Testsieger bei Stiftung Warentest geworden, regt sich Regine auf, und die schreiben da was von einer unbekannten Marke aus Erfurt! Hallo? Wo ist denn Born unbekannt? Im Osten jedenfalls nicht, jeder kennt Ketchup und Senf und die Majo von Born. Aber die kennen ja auch den Osten nicht.
Stimmt, bestätige ich. Born kauf ich auch.
Wir Ossis sind AfD. Sonst nichts. Wir haben nichts, wir erben nichts, wir verdienen weniger. Wir sind die Bürger zweiter Klasse. Wir sind die, über die sich die Medien lustig machen. Dann müssen sie bei sich selbst nicht so genau hinsehen. Sagt Chrissi.
Ich bin Opelianer, sagt Jürgen, ich war mal an der Presse, das war gute Arbeit. Ich wünsche mir die DDR auch nicht zurück. Aber eine Meldestelle, um kritische Geister zu denunzieren, das gabs nicht mal in der DDR. Die Stasi hatte noch so viel Anstand, verdeckt zu ermitteln. Heute kann jeder jeden anschwärzen, und das soll Demokratie sein? In der DDR galten Denunzianten als Schweine.
Das Jobcenter hat nichts für sie. Sie sind die Gruppe 50+. Sie haben Betriebsabwicklungen und Entlassungen hinter sich, sie haben den Mut verloren. Aber einen Bären aufbinden lassen sie sich nicht mehr. Meinen Kurs sitzen sie ab, weil ihnen Maßnahmen vermittelt werden, keine Jobs.