Freitag, Kamen. Was ist für dich Heimat, fragt A heute Morgen.
Den Abend davor war Klassentreffen. Wir haben uns sauwohl gefühlt, vertraut, akzeptiert. Wir sind in einem Alter, in dem wir den anderen nehmen können, wie er ist.
Oha, sage ich, das habe ich mir schon so oft überlegt.
Kamen vielleicht?
Na klar, Kamen. Obwohl ich seit meinem 15. LJ nicht mehr hier wohne, weil ich damals von zuhause ausgezogen bin, nach Essen-Werden zu einer anderen Familie, weniger aus Rebellion als aus Verzweiflung, aber das ist wieder ein anderes Thema.
Ich kenne mich hier aus. Die Leute sind offen und direkt, erzählen einem frei von der Leber weg, was sie machen und vorhaben. Und sie haben was vor, ob die Vierzig- oder die Siebzigjährigen. Das tut gut.
Keiner sagt: Das lohnt sich nicht, brauchste gar nicht erst anzufangen, das klappt sowieso nicht.
Ich lerne Anne kennen: Vor Corona Fotografin, jetzt Inhaberin einer Boutique mit italienischer Mode, 68 Jahre. Und B.B., der mit siebzig angefangen hat zu schreiben. Aktives PEN-Mitglied und auch sonst superaktiv, holt er die tollsten Lesungen nach Kamen. In dieses völlig unbedeutende Nest, das sich spürbar um seine BürgerInnen kümmert. Und sich auf das Engagement einzelner BürgerInnen verlassen kann.
Zu dritt bummeln wir den ganzen Tag durch die Straßen, zur unserer ehemaligen Schule, in den Laden mit der italienischen Mode. Abends sind Straßen und Restaurants voll, auch das anders als in meiner zweiten, ostdeutschen Heimat.
Ich fühle mich, während ich aus dem Fensterchen meines Hotelzimmers durch die Äste einer duftenden Linde auf den Alten Markt schaue, inspiriert. Erwische mich dabei, wie ich die Seiten von Immoscout durchscrolle. In Kamen gibts noch Wohnungen. Was habe ich vor? Manchmal komme ich mir selbst nicht auf die Schliche …


