Mitwoch. Hätte mein Buchhändler mir Demon Copperhead von Barbara Kingsolver bloß nicht empfohlen!
Jetzt hänge ich in den 864 Seiten fest, will das Brikett ständig in die Ecke schmeißen (in welche?, es ist ziemlich schwer) und lese doch jede freie Minute weiter. Im Nachhinein erinnere ich mich an ein leises Zögern, als hielte der Buchhändler etwas zurück. Nun, er hielt nichts zurück, sagte stattdessen was von White Trash und Trailer Park und Lost Children, und ich kaufte es.
Ziehe mir jetzt also die Geschichte des rothaarigen und grünäugigen Demon Copperhead rein, den die Natur mit einem ansprechenden Äußeren beschenkt hat, der seiner unfähigen Alkoholiker-Mutter aus jeder Patsche hilft, bis diese einen brutalen Säufer ehelicht, rückfällig wird und – mit einem Kind im Bauch – stirbt. Rumgeschubst zwischen unfähigen Ämtern und geldgeilen Pflegefamilien, mittlerweile mit Drogen und allerlei sonstigen Tricks und Kniffen zum Überleben vertraut, erinnert der Roman natürlich an Dickens‘ David Copperfield, nur in modern und in die USA verlegt und bestens dazu geeignet, einem den Glauben an das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, falls je vorhanden, rasch auszutreiben. Die Autorin hat den Pulitzerpreis dafür bekommen.
Demons Geschichte frisst sich in mein Gehirn, wo sie sich mit den Geschichten aus meinem Engliederungskurs von heute Vormittag und der Schreibwerkstatt am Nachmittag vermengt. Wie war das mit J., deren Mutter sie mit dem Messer bedroht hat und die nach Mühlhausen musste? Heute erzählt sie von ihrer kleinen Schwester, die ebenfalls eingeliefert worden ist, in die Psychiatrie nach Mühlhausen.
Warum?, frage ich.
Weil sie meine Mutter mit dem Messer bedroht hat, grinst J.
Der Humor ändert sich mit den Erfahrungen. Fazit: Egal, ob die Mutter ihrem Kind oder das Kind der Mutter das Messer an die Kehle setzt – es ist das Kind, das in der Psychiatrie landet. Und von dem unvermeidlichen Strudel mitgerissen wird, von dem ich nun schon so oft gehört habe. Die Mutter, das nur O.T., ist Altenpflegerin. Leute, rennt weg, solange ihr noch könnt!
Bis auf eine Ausnahme war der ganze Kurs dort. Von einem anderen ist nun auch der Stiefbruder in Mühlhausen, und er besucht ihn, um ihn zu bewachen. In Mühlhausen – zwei Worte reichen aus, um im Unterrichtsraum ein vielstimmiges Stöhnen zu erzeugen. Lorazepam und Pregabalin haben sie alle verabreicht bekommen, mit 13, 14 Jahren stellt man nicht viele Fragen, da gibt es noch so etwas wie Restvertrauen. Sie beschreiben den Zustand, in den die Medikamente sie versetzt haben, wie einen Horrortripp: Lethargie, Willenlosigkeit, Passivität, Selbstaufgabe.
Ich weiß, dass ich Scheiße bin, sagt P.
Warum sagst Du das, frage ich und frage mich das wirklich. P. sieht gut aus (was er nicht weiß), er schreibt Wahnsinnstexte (die er selbst nicht gut findet), er hat Abitur und ein Studium angefangen und hängt in seiner Negativspirale fest wie ein aufgespießter Schmetterling im Glaskasten. Manchmal wird er sichtlich nervös, so wie jetzt gerade. Okay, sagt er: Ich erzähle es genau ein Mal! In der Gruppentherapie sollte jeder sagen, mit wem er am ungernsten zusammen ist, und alle haben meinen Namen genannt. Ich bin für andere eine Zumutung. Ich weiß es, ich habe es GEHÖRT.
Wer hat euch denn mit so einer oberbekloppten Frage konfrontiert, frage ich fassungslos.
Damals habe ich mir oft überlegt, sagt B., die Psychologen haben da so ein Buch. In dem steht drin, wie man die Patienten noch fertiger machen kann, als sie sowieso schon sind. Vielleicht sollen sie sterben, dann haben die Psychologen keinen Ärger mehr.
Einer kommt zu mir nach vorne, es ist gerade ziemlich laut, und sagt durch die vor den Mund gehaltenen Hand: Ich wollte mich umbringen.
Lorazepam und Pregabalin haben ihn irgendwie davon abgehalten, jetzt ist er raus und ich frage mich, was die Zukunft mit ihm vorhat: Ein Demon Copperhead in schwarzhaarig, mit 14 aus Afghanistan geflohen, inzwischen ist er 19. Er spricht schlecht Deutsch, war irgendwie nie in der Schule, hockt in meinem Kurs, weil das Jobcenter das für sinnvoll erachtet, er wohnt ganz alleine und hat seit fünf Jahren seine Familie nicht gesehen.
Wovor habt ihr Angst?, habe ich sie vorher gefragt, und er sagt, Das Schlimmste, was ihm passieren könnte, wäre, wenn seine Mutter vor ihm stirbt. Was macht er hier, was soll ich ihm beibringen, was können wir für diesen zarten, offensichtlich schlecht ernährten Jungen tun, der nur einer von Zehntausenden ist. Von seiner dreijährigen Flucht über die Türkei und Griechenland hat er eine kaputte Schulter mitgebracht. Ich renke sie mir selbst wieder ein, wenn sie auskugelt, sagt er.
Was ist für euch die größte Zeitverschwendung?, frage ich am Nachmittag meine JungautorInnen.
Mit Vätern reden, sagt M. und grinst seine schlechten Erinnerungen weg.
Ich würde ohne meine Freunde und meine Stiefgeschwister gar nicht mehr leben, sagt T. Die eine Stiefschwester sitzt neben ihr, die hat T. heute mitgebracht. Sie ist acht und lächelt mich lieb an und malt weiter an ihrem Bild.