Montag. Diese Frage, warum ich nachts Videos – und wahrscheinlich nicht nur sie – anders wahrnehme als tagsüber, beschäftigt mich auch noch einen Tag später.
Robert Musil lässt in Der Mann ohne Eigenschaften seinen Helden Ulrich die Wirklichkeit nur als eine von vielen denkbaren Varianten betrachten. Der Möglichkeitssinn ist ein philosophisches Konzept, das Menschen, die ihn besitzen, dazu befähigt, das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist, aber sein könnte.
Ein Leben im Potentialis: Ulrich weigert sich, die Welt so zu sehen, wie sie ihm vorgesetzt wird. Vielmehr ist ihm das Leben ein Experiment, und Strukturen sind zufällig und austauschbar.
Ein Video ist nicht so und so, sondern jetzt so, und morgen bzw. heute Nacht anders. Es existiert keine feste Realität, sondern alles birgt noch unzählige andere mögliche Seinsformen in sich. (Und jede Entscheidung für eine bestimmte Seinsform schließt alle anderen aus.)
Musil war nicht nur Literat, sondern auch Naturwissenschaftler. In seiner Doktorarbeit hat er sich mit den erkenntnistheoretischen Grundlagen der Physik beschäftigt. Und so lässt er den jungen Ulrich ahnen, dass die Ordnung nicht so fest ist, wie sie sich gibt. Kein Ding, keine Form, kein Grundsatz ist sicher: „Alles ist ein einer unsichtbaren, aber niemals ruhenden Wandlung begriffen.“
Wie Werner Heisenberg, um die Sache ganz deep anzugehen (Nietzsche lasse ich dafür weg, obwohl er als Meister des Möglichkeitsdenkens gilt), fast zeitgleich mit dem Erscheinen des Mann ohne Eigenschaften seine revoltierende Entdeckung der Quantenphysik formuliert: Auch ein scheinbar fester Gegenstand ist in einer unsichtbaren, aber niemals ruhenden Wandlung begriffen.
Die Erkenntnis, dass die Natur kein Uhrwerk aus festen Objekten mehr ist, sondern ein dynamisches Geflecht von Wahrscheinlichkeiten, stellte nicht nur die klassische Physik auf den Kopf, sondern löste auch in der Philosophie, Kunst und Literatur regelrechte Denkexplosionen aus. Noch kurz vor seinem Tod hat Musil quantenmechanische Studien zur Heisenbergschen Unschärferelation gelesen.
Mein Ausschnitt der Welt könnte auch ganz anders beschaffen sein, als er sich darstellt, und die vorstellbaren Beschaffenheiten sind genauso wichtig wie das, was ist. Heute war so ein richtiger Scheißtag. Ich hatte Streit mit dem Finanzamt, und plötzlich musste ich vor meiner geduldig auf mich einquatschenden Beraterin losheulen. Sie hatte „das System“ auf ihrer Seite. Jedes Mal, wenn sie sagte, das hat das System so ausgerechnet, bin ich zusammengezuckt wie unter einem Hammer. Ist das System unfehlbar? Ja, es besteht aus Algorithmen, und jeder weiß, dass gegen Algorithmen nicht anzustinken ist. Sie sind feste Realität, wie es fester gar nicht geht. Sie unterliegen nicht der Unschärferelation. Ich stellte mir vor, dass die Möglichkeit, die Algorithmen seien auf dem Holzweg, genauso wichtig ist wie die Tatsache, dass sie es nicht sind. Leider hat mich diese Vorstellung völlig aufgelöst.
Und später zu meiner Frage von gestern zurückgeführt, die mit den Videos. Der Möglichkeitssinn ist bestechend. Auch das, was er mit einem macht, unterliegt ja vielen Möglichkeiten. Ulrich macht er distanziert, analytisch und fast kalt. Doch er regt auch zum Träumen an, zum Blickrichtungswechsel. Funktioniert allerdings nicht im Finanzamt.