Antisemitismus im trojanischen Pferd der Woke-Bewegung

Ist möglicherweise ein Bild von 1 Person und Text „WeLT B ABO w+ 7.0 7. Wir werden wieder tanzen zwei Ob es Donald Trump gelingt, den Krieg in Gaza Jahre nach dem dem7. 7. Oktober 2023 zu beenden, ist noch unklar. Klar ist hingegen: Als es wirklich darauf ankam, haben Europa und weite Teile der freien Welt versagt. Mathias Döpfner 497“

Dieser Beitrag sollte Pflichtlektüre für jede(n) PalituchträgerIn sein – und niemand kann mehr behaupten, er/sie hätte davon nichts gewusst!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Mathias Döpfner heute:
>>Vor einigen Wochen habe ich in Berlin Ofir Amir kennengelernt. Er ist Mitgründer und Produzent des Nova Music Festival in Israel. Ofir ist wie ich in Offenbach am Main aufgewachsen, bevor er nach Israel auswanderte. Nun organisiert er eine Ausstellung, die an verschiedenen Orten auf der Welt – unter anderem auch in Berlin – gezeigt wird, um an die Geschehnisse und vor allem an die Opfer des 7. Oktobers zu erinnern.
Wir sprachen über diesen Tag, das Massaker, das Ferdinand von Schirach mit ebenso präzisen wie unerträglichen Worten in der WELT AM SONNTAG beschrieben hat: „Videos zeigen zwei tote israelische Soldatinnen, denen offenbar direkt in die Vagina geschossen wurde. Auf einem Foto ist eine Frauenleiche zu sehen, der Nägel in die Oberschenkel und die Leistengegend gehämmert wurden. Eine Festivalbesucherin sagt aus, sie habe sich während des Massakers unter einem Baum versteckt und mit Gras bedeckt, weil ihr in den Rücken geschossen wurde. Sie habe gesehen, wie einer Frau die Hose bis zum Knie heruntergezogen worden sei. Ein Mann habe hinter ihr gestanden und sie vergewaltigt. Jedes Mal, wenn sie zurückgewichen sei, habe er ihr mit einem Messer in den Rücken gestochen. Eine andere Frau, so die Zeugin, sei von einem Terroristen vergewaltigt worden, während ein weiterer Mann mit einem Cuttermesser ihre Brüste abgeschnitten habe. In Be’eri und Kfar Aza wurden in sechs Häusern Leichen von Frauen und Mädchen gefunden. Sie waren nackt, verstümmelt und gefesselt. An diesem Tag werden 1139 Menschen ermordet. Darunter sind 695 Zivilisten, einschließlich 36 Jugendliche und Kinder. Ein Ersthelfer sagt vor der Knesset aus, er habe abgetrennte Schädel von drei Kindern gesehen.“
Ofir selbst wurde durch Schüsse in seine Beine schwer verletzt. Er überlebte nur, weil er sich verstecken konnte und dann einfach Glück hatte. Nun versucht er, das Trauma zu bewältigen, indem er das Erinnern organisiert.
Seit diesem Gespräch über die Ereignisse am 7. Oktober frage ich mich immer wieder, wie Ofir Amir das erträgt, was nach dem 7. Oktober passiert ist. Wie er es erträgt, dass aus Opfern Täter und aus Tätern Opfer gemacht werden. Dass immer öfter verschwiegen wird, wer diesen Krieg begonnen hat, was Aktion und was Reaktion ist. Wie er es erträgt, dass die berechtigte Kritik an Entscheidungen einer israelischen Regierung mit tief wurzelndem Judenhass vermengt wird und dass deshalb, statt einer naheliegenden globalen Welle des Mitgefühls und der Solidarität, eine globale Welle der Herzenskälte und des immer aggressiveren Antisemitismus entstanden ist. Wie er das erträgt, was ich kaum ertragen kann, obwohl ich weder Opfer noch Angehöriger von Opfern bin.
Konkret: Wie ertragen Ofir und Millionen von Juden auf der Welt es, dass auf Berliner Straßen noch am Abend des 7. Oktober und danach Kekse verteilt und Freudenfeste gefeiert wurden? Dass die Menschen in Teheran den Angriff durch ein öffentliches Feuerwerk gefeiert haben? Dass es in Gaza keine Distanzierung der Zivilbevölkerung gab, sondern dass gejubelt und jüdische Leichen geschändet wurden, um dies dann stolz auf Fotos und Videos festzuhalten und auf Social Media zu teilen?
Wie erträgt Ofir es, dass nur wenige Wochen nach dem Massaker, also lange bevor die Diskussionen über die Angemessenheit israelischer Vergeltungsmaßnahmen begonnen hatten, in einer repräsentativen Umfrage der Harvard-Universität 60 Prozent der Amerikaner zwischen 18 und 24 Jahren befanden, dass die „Tötung von 1200 Israelis durch das empfundene Unrecht (,grievance‘) der Palästinenser gerechtfertigt“ sei? Oder dass in einem offenen Brief, unterzeichnet von 144 Professoren der Columbia Universität, der Hamas-Angriff als „Ausübung des Rechts auf Widerstand eines besetzten Volkes gegen eine gewaltsame und illegale Besetzung“ beschrieben wurde? In einer Umfrage des „Economist“ glaubte jeder fünfte junge Amerikaner im Alter von 18 bis 29 Jahren, der Genozid an sechs Millionen Juden sei ein Mythos.
Wie erträgt Ofir es, wenn im US-Kongress Claudine Gay, Präsidentin der Harvard Universität, zusammen mit zwei Präsidentinnen anderer Universitäten befragt wird, ob der „Aufruf zum Völkermord an den Juden“ auf dem Harvard-Campus gegen die Verhaltensregeln der Universität verstoße, und sie mehrmals ausweichend antwortet, dass das ja vom Kontext abhängig sei?
Wie erträgt Ofir es, dass der französische Präsident Emmanuel Macron nicht an der großen Demonstration gegen Antisemitismus am 12. November 2023 in Paris teilgenommen hat? Macron erklärte damals, er habe „noch nie an einer Demonstration teilgenommen“, um davon abzulenken, dass er wohl vor allem Angst vor den Reaktionen vieler seiner immer radikaleren muslimischen Wähler hatte.
Wie erträgt Ofir es, dass der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz zwar am Rande des G-7-Gipfels in Kanada noch erklärte, die Israelis machten im Mittleren Osten „die Drecksarbeit“ für uns, aber wenige Wochen später am 8. August 2025 die Waffenlieferungen an Israel massiv einschränkte? Merz korrigierte damit eine seit Konrad Adenauer von allen deutschen Bundeskanzlern – inklusive Helmut Schmidt, Gerhard Schröder und Olaf Scholz – trotz vieler berechtigter Kritik an israelischer Innen- und Außenpolitik nie infrage gestellte Grundlinie deutscher Staatsraison. Die bedingungslose Unterstützung des Existenzrechts Israels steht fortan faktisch unter Bedingungen. Die Hamas ist gestärkt. Und das Leiden der Zivilisten auf beiden Seiten wird verlängert.
Dominospiel der Opportunisten
Wie erträgt Ofir es, dass Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen schließlich am 10. September 2025 erklärte, dass die EU-Kommission ihre bilateralen Hilfszahlungen an Israel einstelle, und wenig später den Mitgliedsländern auch noch Sanktionen empfahl – und auf diese Weise im Dominospiel der Opportunisten mit Wucht auf die falsche Seite der Geschichte kippte? Die EU unterstützt künftig also weniger die, die den Terror in Israel und in Europa bekämpfen, sondern lieber die, die auf der Seite der Terroristen stehen. In den Jahren 2021 bis 2024 war die EU der größte Geber von Außenhilfe für Palästinenser mit einer „bilateralen Mittelzuweisung“ in Höhe von 1,36 Milliarden Euro.
Zugute kam dieses Geld weniger den armen Menschen in Gaza als dem Tunnelbau und der Bewaffnung von Terroristen. Und zwei Jahre nach dem größten Pogrom an Juden seit dem Holocaust setzte die EU noch eins drauf: Die Europäische Kommission schlug am 14. April 2025 ein „mehrjähriges umfassendes Unterstützungsprogramm von bis zu 1,6 Mrd. Euro für die Erholung und Resilienz der Palästinensergebiete“ vor. Indirekt subventioniert die EU so nicht die Demokratisierung einer Region, sondern die Verlängerung eines Krieges.
Und wie erträgt Ofir es, dass UN-Generalsekretär António Guterres am 24. Oktober 2023 erklärte: „Es ist wichtig festzuhalten, dass die Attacken der Hamas nicht einfach in einem luftleeren Raum passiert sind“? Und im September 2025 dann Frankreich, Belgien, Monaco, Luxemburg, Malta, Andorra, Großbritannien, Kanada, Australien und Portugal bei der UN-Vollversammlung für die formelle Anerkennung eines palästinensischen Staats stimmten? Damit ist Palästina von 157 von 193 UN-Mitgliedsstaaten als Staat anerkannt, obwohl ein Großteil der palästinensischen Bevölkerung von der Terrororganisation Hamas regiert oder besser tyrannisiert wird, einer diktatorischen Macht, die das eigene Volk, Zivilisten und besonders gerne Kinder als menschliche Schutzschilde für militärische Anlagen missbraucht, um Bilder für eine globale Propaganda-Schlacht zu produzieren. Die Lektion für Terroristen und Autokraten in aller Welt ist ermutigend: Die Anerkennung eines Staats, der ein Unrechtsregime ist, erfolgt nicht als Belohnung für die Herstellung von Rechtsstaatlichkeit, für Frieden und die Freilassung der Geiseln, sondern als Belohnung für die Barbarei des 7. Oktober.
Und schließlich, wie ertragen es Ofir und Millionen von Juden, dass in der Konsequenz dieser politischen Verblendung Europas und weiter Teile der demokratischen Welt Antisemitismus im trojanischen Pferd der Woke-Bewegung wieder auf dem Vormarsch ist? Nach dem 7. Oktober schnellten die antisemitischen Straftaten weltweit in die Höhe. Allein in Deutschland wurden zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 9. November 2023 fast 1000 Fälle registriert. Die Zahl der von der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) erfassten Vorfälle war 2023 fast 83 Prozent höher im Vorjahr. Die französische Regierung meldete für 2023 über 1600 antisemitische Vorfälle, 2022 lag die Zahl bei rund 400. Und in den USA berichtete die Anti-Defamation League (ADL) im gleichen Jahr von einer starken Steigerung der gemeldeten antisemitischen Vorfälle auf mehr als 8800.
Im Jahr 2025 werden auch in Washington und Manchester Juden getötet, weil sie Juden sind.
Was in Gaza in dieser historischen Woche im Oktober 2025 geschehen wird, ob Donald Trump das gelingt, wozu Europa nicht fähig war, durch eine Politik der Solidarität und Stärke das Sterben zu beenden, ist noch unklar. Klar ist hingegen: Als es wirklich darauf ankam, haben Europa und weite Teile der freien Welt versagt. Das alte antisemitische Propagandagift wirkt noch immer: Wieder einmal sind die Juden an allem schuld. Sogar an ihrer eigenen Ermordung.
Wie Ofir das erträgt, weiß ich nicht. Ich weiß nur, welche Schlussfolgerung er aus all dem gezogen hat.
Nach einem langen Gespräch in meinem Büro am 17. September laufen wir durch den sonnigen Spätnachmittag Berlins auf der Lindenstraße zum jüdischen Museum, wo an diesem Tag eine Feier zum 70. Jubiläum des Zentralrats der Juden in Deutschland stattfindet. Ich frage Ofir irgendwann, kurz bevor wir am von Scharfschützen und Polizei-Mannschaftswagen bewachten Veranstaltungsort ankommen, ob er sich vorstellen kann, trotz allem eines Tages das Nova-Festival in Israel wieder stattfinden zu lassen. Nach kurzem Zögern sagt Ofir: „Ja. Sonst hätten die Terroristen gewonnen. Wir werden wieder tanzen.“