Lebe intensiv

Samstag. Genau jetzt … gibt es nichts Schöneres als das getupfte Engelsrosa auf dem Zartblau des Morgenhimmels, nichts Beruhigenderes als mit der dampfenden Kaffeetasse auf dem kalten Balkon zu stehen, unter diesem ewigkeitlichen Farbenhimmel und über der noch ziemlich leeren B27. Weiter vorne drehen sich tags und nachts zwei himmelhohe Kräne um sich selbst. Auf dem Dach von einem der drei Neubauten steht einer im Funkenregen seiner Flex, auf dem anderen legen sie Bretter aus, das Kreischen und Krachen vom Nebel abgedämpft, die Schornsteine qualmen.

Und ich muss gleich wieder ran. Seit Wochen jede freie Minute ausgefüllt mit Korrekturarbeit, ich wundere mich, wie viele freie Minütchen sich in meinem gerammelt vollen Arbeitstag doch noch finden lassen, um diese elendige Arbeit zu erledigen. Nachts und bis in meine Träume verfolgen mich Wortstellungen, Satzgefüge, Entscheidungsqualen: ob der bestimmte Artikel hier nicht besser gestrichen und ob als Neunjährige oder als sie neun war und dann diese ewige Sache mit Präteritum oder Perfekt … das geht jetzt wahrscheinlich bis Februar so.

Und nebenher kommen der Vorschautext vom Verlag und die Fotos und die ersten Lesetermine … Lauter Schönes, worauf sich auszuruhen jedoch keine Zeit ist. Automatisches Abarbeiten. Heute Morgen weiß ich nicht mehr, wie meine Kaffeemischung in die Tasse gekommen ist, kann mich nachher an keine der dazugehörigen Bewegungen – Schrank öffnen, Dose rausnehmen, mit dem Löffel eintauchen – erinnern.

Und noch nebenherer die Planung der Reise nach Eisenach mit dreißig Jugendlichen im Juli 2019. Auf die freue ich mich. Das ist mein Projekt, das ist das kreative Zusammentreffen von PM-Impulsen, „Amt“ und Literatur. Ich lese Plenzdorfs Neue Leiden mit ihnen. Funktioniert wie vor dreißig Jahren, begeistert und fesselt. Gestern Abend beim Elternstammtisch erzählen sie, dass ihre Kinder zuhause von dem Buch erzählen … was gibt es Besseres, wonderful and great Mister Plenzdorf?