Die Augen des anderen

Freitag, B.N. Als Frau Lüllich vom gleichnamigen Geschäft mir demonstriert, wie man den Sarah-Pacini-Pullover tragen kann, als Rollkragenpulli mit Schlitz über einer Schulter, als V-Ausschnitt mit weggeklapptem Rollkragen, im Carmenlook über eine oder beide Schultern gezogen, so dass die BH-Träger rausblitzen, weiß ich schon: das ist mein Stück. Ein It-Peace zum Herumspielen, im Internet findet man so was nicht, das muss einem jemand – ein Mensch – zeigen. Und als ich in die Bahn steige, nach so langer Zeit mal wieder, weil PM die letzten Wochenenden mit seinem Vater in Eisenach beschäftigt war, da fühle ich mich großartig. Ich trage den Pullover, der sehr lang ist und asymmetrisch dazu, mit dem orangenen Plisseerock, den A. und ich zusammen in Italien gekauft haben (und A. ihr rotes Kleid). Dazu habe ich dicksohlige Leoprint-Sneakers gefunden. Alles neu macht der Mai. Als wir in Reutlingen alle rausgeschmissen werden, weil der Zug defekt ist, und auf dem Bahnhof wieder diese Wahnsinnsrennerei anfängt, macht mir das fast gar nichts aus. So what!, mein Rock ist inzwischen nass geregnet, sieht aber immer noch gut aus, und nachdem ich irgendwie nach Stuttgart gekommen bin und den nächsten Zug nach Remagen erwische, ist er fast schon wieder trocken. Ich weiß, dass PM mich abholen wird, und da steht er dann auch und freut sich, und ich freue mich, und wie! Er bewundert den Rock und den Pulli erst und meine neuen Haare, die Bauhaus-mäßig streng geschnitten sind, weil mein neuer Friseur meint, das müsse jetzt so sein. Ein Schnitt wie Marianne Brandt, irgendwie. Sieht ein bisschen nach dem „Amt“ aus!, findet allerdings PM und grinst. Ich muss an Die Eingeschlossenen von Sartre denken, genauso ist es. Du brauchst nur einen, in dessen Augen du dich spiegelst, dann kannst du auf den Rest der Welt scheißen (was du manchmal tun musst, reiner Selbstschutz). Der Eine, PM, hat ganz wunderbare Sachen aus Eisenach mitgebracht, frische Leberwurst und Brötchen und meinen geliebten Rhonland-Eierlikör. Ich führe ihm die Variationen meines neuen Pullovers vor, bei der schulterfreien meint er, aber doch nicht im „Amt“!, und er trägt meinen Koffer schon mal hoch, und sein Haus ist warm und gemütlich.