Donnerstag. 14. Juli 2021: Um 16.20 Uhr ruft Cornelia Weigand, Bürgermeisterin von Altenahr, Landrat Jürgen Pföhler an und mahnt ihn dringend an, den Katastrophenfall auszurufen.
Er brauche erst noch ein paar Daten, erwidert dieser.
Was vorher geschah: Am Morgen desselben Tages kündigte, nach tagelangen heftigen Regenfällen, um 9.24 Uhr das rheinland-pfälzische Landesamt für Umwelt ein Anwachsen der Ahr auf den dreifachen Pegel an; 2,40 m prognostizierte es für die kommende Nacht.
Um 12.24 Uhr erhöhte das Landesamt die Hochwasserwarnung auf 3,30 m, und der Deutsche Wetterdienst verschickte an 37 Kreise eine Unwetterwarnung wegen extrem ergiebigem Dauerregen gerade an Bächen und kleineren Flüssen.
Um 14.34 Uhr wurde die Bevölkerung Ahrweiler per App von der Kreisverwaltung gewarnt: es sei mit örtlichen Überschwemmungen zu rechnen. Die Nachricht erreichte allerdings kaum jemanden. Eine Stunde später schlug das Landesumweltamt Alarm, Prognose für den Pegel Altenahr: 5,90 m. So einen Wasserstand kannte bisher niemand.
Das ist der Moment, als Weigand versucht, den Katastrophenfall ausrufen zu lassen. In NRW und in der Eifel stehen da bereits die ersten Straßen unter Wasser. Am Nachmittag sind alle Warnungen schon übertroffen, im Sauerland ertrinkt ein Feuerwehrmann, zwei Stunden später ein weiterer.
Der Landrat lässt sich Zeit, während das Landesumweltamt die höchste Alarmstufe ausruft: Es müsse mit Sturzfluten und Hochwasser gerechnet werden.
Um 17.40 Uhr tritt der Krisenstab in der Kreisverwaltung Bad Neuenahr-Ahrweiler zusammen. Der Landrat hätte die Möglichkeit den Katastrophenfall auszurufen – tut er aber nicht.
18.00 Uhr: Sturzfluten in Rheinbach, Bad Münstereifel, Euskirchen.
Um 18.42 Uhr droht die Steinbachtalsperre überzulaufen, die ganze Region ist in Gefahr. Eine gute Stunde später passiert genau das: 120.000 Liter pro Sekunde – jetzt droht der Damm zu brechen. Im Ahrtal erfasst die Flutwelle das Dorf Schuld.
Viel Wasser durch enge Täler führt zu reißenden Fluten, ausgerissenen Bäumen, einbrechenden Brücken.
19 Uhr: Die Katastrophe ist nicht mehr aufzuhalten, doch das Krisenzentrum Bad Neuenahr-Ahrweiler bekommt davon nichts mit. Der Digitalfunk ist zusammengebrochen, Alarmmeldungen aus Schuld und Altenahr kommen nicht an. Pföhler und der Innenminister von Rheinland-Pfalz, Roger Lewentz, treffen ein, sie haben den Eindruck, man habe die Lage im Griff. Leider wird die Bevölkerung immer noch nicht gewarnt. Zu dem Zeitpunkt treiben schon ganze Häuser durch die Ahr. Der Fluss ist nun über 8 m hoch, Schuld geht komplett unter. Am Abend wird Altenburg überschwemmt, um 20.45 Uhr zeigt der Pegel in Altenahr 5, 75 m. Kurz darauf wird der Pegel weggerissen, die Menschen versuchen sich auf Dächer und in die Weinberge zu retten. Und immer noch keine Reaktion aus dem Krisenzentrum Bad Neuenahr-Ahrweiler.
Um 22 Uhr werden Mayschoß, Rech und Dernau von der Flut verschluckt. Auch hier steigen die Menschen in den dritten Stock, wenn sie einen haben, oder auf die Dächer.
Um 22.04 Uhr ruft der Krisenstab endlich die höchste Warnstufe aus – viel zu spät und außerdem für die meisten Menschen nicht zu hören oder zu empfangen. Die haben in dem Moment anderes zu tun als fernzusehen oder Radio zu hören …
Um 23.30 Uhr wird Bad Neuenahr überflutet.
15. Juli 2021: Morgens um 1 Uhr ruft PM mich an: Er blicke auf ein Meer, wo einmal der Garten war, und sehe Schränke, brennende Autos, Öltanks vorbeischwimmen … 180 Tote, eine zerstörte Region …
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Gegen Landrat Pföhler wird wg. des Verdachts der fahrlässigen Tötung und Körperverletzung ermittelt. Inzwischen ist er aus gesundheitlichen Gründen (sic!) in den vorzeitigen Ruhestand gegangen.
Zur Wahl des neuen Landrats am 23.01.2022 warf als Erster der Erste Kreisbeigeordnete Horst Gies (natürlich CDU) seinen Hut in den Ring. Er vertritt jetzt schon den Landrat und ist in dessen Geschäften zuhause. Neben zwei weiteren tritt auch die Flut-bewährte Altenahrer Bürgermeisterin Cornelia Weigand zur Wahl an. Wie ich höre, wird ihr negativ ausgelegt, dass sie parteilos ist. Mit einem CDU-Kandidaten wissen die Ahrweiler Bürger*innen, was sie haben, das war schon immer so, keine Experimente und same procedure as every year.
So deutlich wie folgende Doku brachte meines Wissens noch keine öffentliche Quelle das Versagen des verantwortlichen Landrates und seiner Behörde zur Sprache: