Russischer Zupfkuchen

Sonntag. Man hört viel von russischen Demonstrationen … und ihren brutalen Niederschlagungen … Vielleicht löst sich das Problem ja auf diese Weise von innen heraus …
Die Antwort sind zunehmend diktatorische Maßnahmen gegenüber der russischen Bevölkerung: Demonstrant*innen werden verhaftet, soziale Plattformen gesperrt, Mediengesetze kurzfristig geändert und freie Rundfunksender geschlossen; auf der anderen Seite Selenskyjs Einheizen und unermüdliches Pochen auf Unterstützung von der NATO. Wir können wirklich froh sein, dass die NATO-Chefs klüger sind als so manche CDU-Politiker, die zum Glück in der Opposition sitzen.
Das Feiern von Kriegshelden statt von Diplomaten …
Keiner glaubt der anderen Seite mehr ein Wort. Der KGB-Agent und der Schauspieler haben sich verrannt.
Dazu die verbale Kriegstreiberei der Medien. Inzwischen macht sich bei uns eine groteske Russlandphobie breit. Ein Kollege von PM findet eine Nachricht in seinem Briefkasten vor: „Verschwinde, du Russenschwein.“ Der Mann ist Ukrainer! Eine Bäckereikette aus dem Ortenaukreis nennt ihren russischen Zupfkuchen um, das Gebäck heißt jetzt nur noch Zupfkuchen. Ein Gastronom aus dem badischen Bietigheim verkündet auf der Webseite seines Restaurants: „Besucher mit russischem Pass sind bei uns im Haus unerwünscht.“ Und die Marktkirche Hannover weist ein Geschenk von Gerhard Schröder zurück: Mit Unterstützung von Spendengeldern hatte er das sog. Reformationsfenster von Markus Lüpertz gestiftet, dessen Einbau nun auf Eis gelegt ist.
Es gab einmal den Traum einer russisch-deutschen Freundschaft, den Traum von einem kulturellen, sozialen und sprachlichen Austausch. Um diesen zu pflegen, wurde die West-Ost-Gesellschaft gegründet. Das war unsere Antwort auf den Kalten Krieg unserer Eltern, dem wir Offenheit und Neugier entgegenhielten. Mich ekelt es vor dem Hass, vor der undifferenzierten Engstirnigkeit so vieler Menschen, die nur für Schwarz-Weiß zu haben sind und Zwischentöne als persönliche Überforderung betrachten.