Regelwerk

Donnerstag. Die Sängerin Ronja Maltzahn darf bei einer Demo von Fridays for Future nicht auftreten: Wegen ihrer Frisur! Dreadlocks bei einer weißen Person seien Ausdruck von kultureller Aneignung, so die Begründung. Allerdings wenn sie sich die Haare abschneide, dürfe sie doch noch auftreten.

Ja. Mein Opa wollte auch immer, dass mein Bruder sich die Haare abschneidet: Er sehe ja aus wie ein Gammler. Mit seiner Frise hat mein Bruder – und Millionen andere Männer auf der Welt – sich in den Augen meines Opas mit Outlaws verbrüdert, mit dem schmuddeligen Rand der Gesellschaft. Für einen Abiturienten mit Aussicht auf Studienplatz und beste Zukunftschancen eine verdammt böse kulturelle Aneignung, warum ist mein Opa bloß darauf nicht gekommen?
Den Klimaaktivist*innen Fridays for Future gehörte bisher meine volle Sympathie. Jetzt denke ich, vielleicht sind das die Leute, die alles haben, bloß keine Grenzen/Regeln, und da sozialisieren sie das eben nach. Und können aber den Hals nicht voll davon kriegen, das Regelwerk wird immer engmaschiger. Verboten ist das neue Lieblingswort. Schublade auf, Schublade zu, so geht Debattieren bei den Identitäten, egal ob links oder rechts.
Puuh, was für ein Lebensgefühl …
Leider kommt das übel selbstgerecht und pharisäerhaft rüber. Apropos Pharisäer: Wie ist das eigentlich mit meinem Davidstern-Anhänger? Und den ukrainischen Trachtenhemden, die manche jetzt aus Solidarität tragen? Und – ohgottohgott!, mit schwarzen Frauen, die ihre Haare glatt und blondiert tragen??? Alles Sachen, die man direkt mal überprüfen könnte. Wir haben ja auch sonst keine Probleme …