Leben, Arbeit und die Kalligraphie

Dienstag. Wir haben unsere Mutter beerdigt.
Nun hat sie es „hinter sich“, eines ihrer geflügelten Worte. Sie hat ein ganzes Jahr darauf gewartet. Dann darf man wohl gehen.
Bei aller Anspannung meinerseits – ich war für den Ablauf verantwortlich – ging es peaceful und sogar harmonisch zu. Das ist keine Selbstverständlichkeit, wenn die Eltern gestorben sind, erst recht nicht in meiner Familie.
Familie ist okay. Familie ist wichtig. Man gehört dazu, das ist der Punkt. Man braucht nicht darüber nachzudenken. Drei Tage war ich in NRW / Werne, anschließend mit meiner lieben L. nach Köln, wo ich eine Nacht in ihrer WG übernachtet habe.
Sie sind zehn Mitbewohner, mit dem L.chen und dem T.chen. Eine Riesen-WG in einer echt schrägen Wohnung direkt am Kölner Dom. Wie eine Familie, sagt L. Ich glaube, ich verstehe immer mehr ihre Art zu leben, bei aller Beunruhigung, die sie von Zeit zu Zeit bei mir auslöst. Um neun Uhr – L. hat die Kinder schon weggebracht – öffnet sie das Küchenfenster: Hör mal, sagt sie, das höre ich jeden Morgen. Das ist schön.
Die Rathausglocken spielen Die Gedanken sind frei. Was bedeuten meiner Tochter dieses Lied und dieses morgendliche Ritual? Sie sieht für einen Moment glücklich aus und so mit sich im Reinen. Das berührt mich sehr. Es ist schön, sie da so sitzen zu sehen.
Von Köln ging es heute Morgen nach Eisenach weiter, wo ich mich für einen Kalligraphiekurs angemeldet hatte. Die Kalligraphie scheint in Eisenach eine besondere Rolle zu spielen. Es gibt zwei konkurrierende Unternehmen der Schönschreibkunst: Das Atelier Wagner in der Marienstraße und die Werkstatt Husemeyer im Luther-Haus. Ich war bei Letzterer. Ich bin da nicht besonders talentiert, hauptsächlich hat es mir wg. der Kalligraphin Spaß gemacht. Sie ist sehr vielseitig; einer ihrer Interessenschwerpunkte ist die jüdische Kultur in Eisenach. Sie hat viel mit Avital Ben-Chorin zusammengearbeitet, die in Eisenach geborene Frau des berühmten Schalom Ben-Chorin. Darum beneide ich sie, ich möchte alles über Avital erfahren. Die Kalligraphin ist mit einem Syrer liiert, das macht die Sache so richtig spannend.
Ja, und dann gibt es da noch den Calligraphy Cut, eine besondere Schnitttechnik, die ein hiesiger Friseurmeister ersonnen und sogar das Patent dafür erworben hat. Es gibt so abgefahrene Leute hier, das ist immer wieder eine Offenbarung.
Morgen geht’s nach Tübingen zurück, und dann weiter nach Ludwigsburg, wo das nächste Interview stattfindet. Und die Woche darauf nach Berlin …