Dame Mary

Donnerstag. Mary Quant ist tot.

Kaum jemand hat meinen Modegeschmack so sehr geprägt wie sie. Verboten kurze Röcke und Hotpants zum schwarzen Shirt oder Rippenpulli, dunkle, wild gemusterte Strumpfhosen, Knautschlackstiefel und PVC-Regenmäntel, die nicht länger als der Minirock sein durften, Pullunder zur Schlaghose und im Winter Pelzmützen wie Astronautenhelme zum Dufflecoat, der natürlich mit Flowerpowerblumen bestickt war.  Nicht zu vergessen die Quant’sche Schminktechnik: Dramatisch überzogener Lidstrich und brauner Lidschatten, lila Lippenstift – den grünen mixte ich mir selbst und verkaufte ihn in den Migränepillendosen meiner Eltern (Sinfrontal) für zwei Mark das Stück an meine Schulfreundinnen.

Kein Wunder, dass es kaum ein Foto von mir aus dieser Zeit gibt. Meine Eltern fanden mich peinlich, mein Bruder war zu jung und meine Schwester trug am liebsten Marineblau – eine Farbe, die ich mit Verachtung strafte. Die Verwandtschaft bedauerte meine Eltern für meinen Kuhgeschmack, weshalb mein Lieblingsvetter Jakob mich nachhaltig in Grete umtaufte in Anlehnung an die Gründerin vom Quelleversand.

1966 wurde Quant der Ritterorden des British Empire verliehen, 2015 wurde sie zur Dame Commander ernannt. Quant stand für Women Lib, für sexuelle Befreiung, für Spaß am Leben. Bei Englandaustausch in Eastbourne mit Tagesausflug nach London flitzte ich als Erstes in die King’s Road – wo ihr Laden schon lange nicht mehr war. Mist!

Mary Quant ist 93 Jahre alt geworden. Sie war älter als meine Eltern, was aber niemanden interessierte. Sie war immer jung.