Mittwoch. Immer wieder hört man das Argument, dass die westliche Welt einen Entwicklungsvorsprung von mehreren hundert Jahren gegenüber der nichtwestlichen, dem sog. Globalen Süden habe, und dass der Islam sich also irgendwann ganz von selbst von seinen archaisch-patriarchalen Wurzeln wegentwickeln wird, hin in Richtung Demokratie und Menschenrechte.
NEIN! Es gibt diesen zeitlichen, bzw. regionalen Vorsprung nicht, der ja irgendwie eine geopolitische Ungerechtigkeit suggeriert. Dann müsste auch das Judentum noch im Mittelalter stecken, was aber definitiv nicht der Fall ist. Israel, Kernland des Judentums, ist ein demokratisches Inselchen, umzingelt von muslimischen Autokratien. Der Unterschied liegt einzig und allein in der Ideologie, sprich, im Islam begründet, der keine Trennung von Staat und Religion kennt (Sure 3 Vers 79).
Im Gegensatz zu Judentum und Christentum, die sich über die Jahrtausende durch Auslegung bzw. Exegese weiterentwickeln und damit auch die Richtung von Thora und Bibel den gesellschaftlichen Veränderungen anpassen konnten (z.B. Todesstrafe), wird dies auch in 1000 Jahren im Islam nicht passieren. Auslegung und Exegese sind im Koranstudium verboten. Allein der Gedanke daran kann tödlich sein, wie zahlreiche junge, muslimische, eigenständig denkende BloggerInnen erleben mussten und müssen. Die Schrift gilt als von Gott diktiert, der Mensch darf hier nichts infrage stellen, er darf keine Fragen stellen. Dagegen ist im Judentum wie im Christentum das Fragenstellen, die Diskussion über Gesetze und Normen, geradezu der Motor für die Weiterentwicklung des Gottesbildes und des Religionsverständnisses.
Die Scharia / das islamische Gesetz bündelt spirituelle Regeln und rechtliche und gesellschaftliche Normen zu einem Ganzen, Untrennbaren. Die dadurch entstandene Unbeweglichkeit in Sachen Toleranz und Menschenrechte ist Konzept und Lösung im Sinne einer archaisch-patriarchalen Gesellschaftsordnung, wie wir sie vor allem in Saudi-Arabien, im Iran, in Afghanistan und Pakistan beobachten.
Welches Interesse sollten die Machthaber dieser Länder haben, am autoritären Gottesverständnis, am autoritären Religionsverständnis, an ihrer autoritären Gesellschaftsordnung etwas zu ändern?