Neue Ufer

Mittwoch. Vormittags sechs Stunden Deutschunterricht mit meinen sog. „Langzeitarbeitslosen“ – junge Menschen, die aus Angst oder Frust die Schule abgebrochen haben.
Und sich jetzt wieder in die Schulbank hocken – aber eine andere: wo Menschenwürde und Respekt an 1. Stelle stehen. Für mich sind sie die Elitetruppe, die nach mehreren Jahren Arbeitslosigkeit die Kurve gekriegt haben und ihren Abschluss nachholen möchten. Ich ziehe meinen Hut vor ihnen, sie haben Heldentaten aufzuweisen, die nie in einem Bewerbungsschreiben erwähnt werden, die aber allerhöchsten Respekt verdienen.
Mir macht diese Arbeit total Spaß. Es ist Austausch, es ist gegenseitiges Geben und Nehmen. Die neue Gruppe – doppelt so groß wie die vorherige – liebenswürdig und aufgeschlossen wie die im letzten Jahr. Einfach tolle junge Menschen, denen eine gute Zukunft genauo zusteht wie ihren AltersgenossInnen aus dem sog. Bildungsbürgertum.
Ich habe sie ein bisschen gequält heute: Barocklyrik, Vanitasmotive in der Malerei, das Figurengedicht – sie waren voll dabei. Sie akzeptieren, dass man ihnen Fenster in eine bisher unbekannte Welt öffnet. Weil sie selbst so offen sind.
Gestern Abend war die online-Fortbidlung für LehrerInnen von der Friedrich-Ebert-Stiftung, zu der ich mit drei JungautorInnen aus Junge Texte aus Eisenach eingeladen war. Eine interessante Erfahrung, trotzdem ist online nicht so mein Ding.
Am kommenden Mittwoch beginnt meine Schreibwerkstatt für Jugendliche und junge Erwachsene in Eisenach, yeah! War ein Stück Arbeit mit Fördergelderanträgen und den damit verbundenen Schikanen – ich habe mich durchgebissen.
„Du bist hier immer noch ein Untertan vor den Behörden“, sagt Dieter, mein neuer ostdeutscher Freund und Helfer in IT-Dingen.
Wir bekommen den Raum, den ich haben wollte, und ich hab die Gruppe, die ich haben wollte. Und irgendwann wohl auch die Gelder …
Auf zu neuen Ufern.