Es ist kompliziert

Dienstag. Europa zweifelt die völkerrechtliche Legitimation der türkischen Einmarschs gegen die Kurden in Syrien an. Die Zweifel gehen jedoch nicht so weit, dass die EU-Länder sich auf ein gemeinsames Waffenembargo gegen die Türkei einigen können. Zu sehr sitzt ihnen Erdogans drohende Menschenwaffe im Nacken: 3,6 Mio Flüchtlinge, die nur darauf warten, die türkischen Lager zu verlassen und sich auf den Weg, am liebsten nach Deutschland, zu machen.
Die Kurden, die zum großen Teil als Staatenlose vor allem in Nordostsyrien leben, deren Milizen bis vor Kurzem noch mit alliierter Unterstützung der Anti-IS-Koalition den terroristischen „Gottesstaat“ IS erfolgreich bekämpft und zurückgedrängt haben und im Gegenzug von Assad in ihren Autonomiebestrebungen im syrisch-türkischen Grenzgebiet bestätigt wurden, stehen jetzt, mit dem überraschenden Truppenabzug der US-Streitkräfte, mit dem Rücken zur Wand.
Nato-Chef Jens Stoltenberg rief Erdogan zur Zurückhaltung auf. Im gleichen Atemzug sagte er: „Die Türkei ist wichtig für die Nato.“ Er möchte Feuerwehr sein, und gehört doch eher zu den Brandstiftern. Darüber könnte man sich wundern und verzweifeln. Das Problem ist viel zu verworren, zu vielschichtig, als dass man sich ein Urteil erlauben könnte. Je mehr ich mich damit beschäftige, desto mehr erscheint es mir als ein ganzes System von Zwickmühlen, die sich gegenseitig bedingen.