Corona Diary / Zwickmühle

Freitag. In Brasilien ist die Zahl der täglichen Todesfälle durch das Coronavirus auf über 400 gestiegen. Jair Bolsonaro scheint das wenig zu beeindrucken. Der Präsident gehört zu den sog. Corona-Leugnern, wie immer das funktioniert, ein Virus zu leugnen. Anstatt Maßnahmen gegen dessen Ausbreitung zu ergreifen, hat Bolsonaro seinen Gesundheitsminister Luiz Mandetta entlassen. Dieser hatte sich für die soziale Isolation ausgesprochen, während der Präsident es nicht einsieht, die brasilianische Wirtschaft wegen eines “Grippchen[s]” zu schädigen.

Angela Merkel hat laut Steingarts Morning Briefing vom 24.04.2020 in diesen dramatischen Tagen die politische Rationalität auf ihrer Seite: ”Riskiert sie zu früh eine Rückkehr in das Alltagsleben, sind ab diesem Zeitpunkt alle Toten ihre Toten. Sie macht sich schuldig. Kommt es infolge einer verhinderten Öffnungspolitik zu einer ökonomischen Depression, was als gesichert gelten darf, trägt sie formal die Verantwortung, aber moralisch keine Schuld. Schuld ist in diesem Fall immer nur das Virus.”
Deshalb ist mit weiteren Lockerungen wohl nicht zu rechnen. Merkel: “Die Situation ist trügerisch, und wir sind noch lange nicht über den Berg.“ Und: Lassen Sie uns jetzt das Erreichte nicht verspielen und einen Rückschlag riskieren.“
Ihr Mentor Obervirologe Christian Drosten: “Wenn man die Maßnahmen lockert, dann starten an vielen Orten in Deutschland neue Infektionsketten.“
Genau dies ist wohl jetzt schon – nach nicht einmal einer Woche seit den ersten Lockerungen – zu beobachten. So hat sich die Zahl der Infizierten gestern im Vergleich zum Vortag verdoppelt. Mit 5600 Corona-Toten hat Deutschland das riesige China (4700 Tote) überholt.
Also weiter gehts mit angezogener Handbremse. Man wundert sich, wieso überhaupt noch etwas funktioniert. Gestern bei der Augenärztin zum Beispiel (ja, is klar, ich brauche eine Brille, ansonsten alles im grünen Bereich). Oder beim Einkaufen im Supermarkt (zum ersten Mal bin ich mit Maske unterwegs, man wird sich daran gewöhnen müssen). Die Regale sind voll, unterbrochene Lieferketten scheinen sich hier nicht auszuwirken.
Steingarts Fazit: “Eine kluge Pandemiebekämpfung muss danach streben, beides hinzubekommen: Die Durchbrechung der Infektionsketten und die Wiederherstellung der ökonomischen Kreisläufe. Was wir im Moment allerdings erleben, zeigt ein Dilemma, wie wir es nur aus dem antiken Drama kennen: Die Lockerung ist zu weitgehend, um das Virus zurückzudrängen. Sie ist nicht weitgehend genug, um unseren Wohlstand zu retten.”
Man könnte auch sagen: Eine Zwickmühle auf Leben und Tod.