Corona Diary / Schule 2.0

Samstag. Dass die Nerven „etwas blank“ liegen, wie es kürzlich in einem internen amtlichen Schreiben zu lesen war, ist eine schwer verharmlosende Umschreibung des Zustandes, in dem sich fast alle Eltern von schulpflichtigen Kindern derzeit befinden. Tagsüber drucken sie an ihren Arbeitsplätzen in Kliniken und Geschäftsbüros die tägliche Flut von Arbeitsblättern für ihre überforderten Kids aus, mit denen sie abends am Esstisch zusammenhocken, um Mathe- und Geographieaufgaben zu lösen, englische Lückentexte zu füllen und Handyfotos für den Kunstunterricht zu produzieren.
Überforderung auch auf der anderen Seite der Front, wo sich der eifrige Teil des Lehrpersonals angesichts der coronabedingten Leere im Gehirn in blindem Aktionismus gegenseitig zu übertrumpfen sucht. Mit Microsoft Teams, Moodle, Doodle, Zoom oder Dropbox werden die lieben Kleinen vor die Webkamera gelockt, vor der die Lehrer sie in normalen – vorcoronalen – Zeiten immer gewarnt haben („Und nicht vergessen: sogar Mark Zuckerberg klebt das Auge an seinem PC ab!“). Mit verzweifelter Euphorie stürzen Pädagog*innen sich in das technische Regelwerk, das ihnen im Minutentakt aus ihrem Mailaccount entgegenfliegt. Bei dem anderen Teil löst das Fachchinesisch der „unterstützenden“ Links je nach Temperament Tobsuchtsanfälle oder Migräneattacken aus. Entweder wird jetzt weggeklickt oder in masochistischer Kleinarbeit das Fremde, Feindliche ins widerstrebende Gehirn runtergeladen.
Für die Zielgruppe all dieser Bemühungen gilt jeden Morgen: Wer sich am Familien-PC gegen Geschwister und Eltern durchsetzt, hat die Heimbeschulung via Bildschirm als Erster hinter sich. Sofern die Technik mitspielt. Da das Lehrpersonal in Sachen IT niemals systematisch aufgerüstet wurde und es jedem überlassen blieb, den Anschluss zu finden oder zu verpassen, geht vieles schief. Der Ton fällt aus, man sieht den Lehrer nicht, der Lehrer den Schüler nicht. Der kleine Moritz klickt sich weg, weil er keinen Bock hat, die große Samira loggt sich gar nicht erst ein. Man ist schließlich zu Hause und die Lehrerin nur ein Bild. Außerdem sind Videokonferenzen mehr oder weniger freiwillig. Niemand darf gezwungen werden, Apps runterzuladen, Programme zu installieren und Webkams anzuschaffen.
Ist alles also eine einzige große Beschäftigungstherapie?
Die Medien aber jubeln: Das Virus schaffe, was die Schulen bisher nicht geschafft haben – das längst überfällige technische Upgading, die Erneuerung des Schullebens, die digitale Revolution, Schule 2.0! Für alle direkt Betroffenen ist dieser Tenor ein Rätsel. Dessen Lösung nur darin liegen kann, dass die Berichterstatter in ihren Glasbunkern am Hamburger CityHafen oder in den Edelstadtteilen Frankfurts, Münchens und Berlins sich lieber in eine cleane IT-Zukunft wegbeamen anstatt die Dinge zu beschreiben, wie sie sind.
Schwierig nämlich!
Mit jedem Tag liegen auch meine Nerven blanker. Ich beginne an meiner beruflichen Identität zu zweifeln, ein Zustand, den ich bisher so nicht kannte. Die Flut von stressenden Mails macht mich krank und elend. Beim Support scheitere ich meistens schon am Vokabular. Meinen Beruf liebe ich, weil ich es liebe, mit Menschen zu arbeiten. Jetzt soll über Nacht eine IT-lerin aus mir werden. Zunehmend fühlte ich mich verunsichert und überfordert, ein Selbstverständnis, mit dem es sich schwer leben lässt.
Den Tag heute habe ich praktisch non stop am PC verbracht. Morgen wird es nicht anders sein, übermorgen auch nicht. Keine gesunde Sache. Mit Mecki am Abend spazieren gegangen, auf einer Bank an der Steinlach packt sie plötzlich eine Flasche Weißwein (Kröver Nacktarsch!) und zwei Becher aus: Highlight des Tages. Wir lauschen einem Kuckuck und erzählen uns Geschichten. Von chinesischen Schülern, die nach sieben Wochen Digitalunterricht nicht mehr konnten … (Quelle leider vergessen …)