Corona Diary / Masken und Müll

Dienstag. Niemand da. Im leergefegten „Amt“ hallen meine Schritte nach. Saubere Gänge, saubere Toiletten, nur ein paar Leute vom Leitungsteam hocken vereinzelt in ihren Büros hinter weit geöffneten Türen. Alles anders als sonst. Wir schielen uns über unsere Atemschutzmasken an – Woher hast du die? Wow, die nähen welche? Hätte auch gern eine davon – und freuen uns. Ah, ein Mensch, was für ein schöner Anblick. Hallo!, wie geht’s? Toller Rock! Kommst du klar? Na ja, geht so. Meine Unsicherheit in Sachen Arbeiten in Coronazeiten – deswegen bin ich hier – wird mir ganz schnell genommen. Ich mache alles richtig. Echt? Super! Das hört man ja gerne. Es gibt keine Regeln, alle eiern vor sich hin, vom Wunsch getrieben, helfen zu wollen, die Lage zu checken, den eigenen Standort zu checken. Eine Pädagogin vor einem leeren Klassenzimmer – das ist definitionsbedürftig. Die Tische sind weit auseinander gestellt, ab nächste Woche sitzen hier immer zwei halbe Klassen nebeneinander, man muss also hin- und herspringen, oh yeah, das wird lustig. Ausgedünnter Betrieb: nur die Kursstufe, nur die Hauptfächer. Der Rest wird weiterhin online vermittelt.
Anschließend habe ich das dringende Bedürfnis nach Stadt. Ich bummle durch halbleere Straßen, durch leere Geschäfte.
Alle reden davon, was die Krise mit der Gesellschaft macht und was sich danach ändern wird. Ich glaube, das einzige, was sich ändert, ist unser Konsumverhalten. Keiner braucht was, ich auch nicht. Wir haben alles. Im Gegenteil, die Leute misten aus und räumen auf. Vor vielen Hauseingängen stehen Kisten mit ausrangierten Sachen, man kann sich was mitnehmen oder feststellen, dass man ganz Ähnliches auch gerade rausgestellt hat.
Beim Wässern meiner Balkonpflanzen ärgere ich mich über das abgebrochene Verbindungsstück zw. Schlauch und Wasserhahn. Zum Glück habe ich vorhin Sekundenkleber gekauft und hoffe nun, dass die geleimte Stelle eine Weile hält. Das abgebrochene Stück ist mit dem Schlauch verschweißt, unter Umständen hätte man also das ganze Trumm weggeschmissen und einmal mehr dazu beigetragen, die Erde mit unserem Wohlstandsmüll zu überziehen. Wegen eines einzigen, kleinen Fehlers. Das ist der gewollte Unsinn unseres Systems, das sollte sich ändern.