Blaupause

Samstag, B.N. Die sechzigjährige H. ist am Ende ihrer Weisheit. Seit dreißig Jahren lebt sie in Deutschland, wo sie als Putzhilfe arbeitet und jeden Cent in das Haus steckt, das sie und ihr Mann für ihre siebenköpfige Familie gebaut haben. Inzwischen ist sie dreifache Großmutter. Ihr 72-jähriger Mann arbeitet auch noch: Früher fuhr er Taxi, mittlerweile ist er auf Bus umgestiegen. Bei seinen Fahrten über die Dörfer lernt er die Filipina J. kennen. Und die Sache nimmt ihren Lauf. Zwei Jahre lang heimliche Beziehung, ausgerechnet an ihrem 40. Hochzeitstag entdeckt H. die Telefonnummer auf dem Handy ihres Mannes. Sie kennt die Nummer, sie wusste von der Geschichte, schon einmal war sie dahinter gekommen und ihr Mann schwor die Affäre mit J. zu beenden. Was er offensichtlich nicht getan hat. Nun ist alles klar, Ausreden sind nicht mehr nötig. Brutalitäten à la Was-ich-dir-immer-schon-sagen-wollte und gegenseitige Schuldzuweisungen fliegen ihnen ungefiltert um die Ohren. Schonung, Respekt gehen den Bach runter, als hätte es sie nie gegeben. Alles ist weg, was gestern noch da war. H. versteht die Welt nicht mehr. Da ist nichts, woran sie sich festhalten kann. Sie träumt von Rache. Sie hat sich einen Plan zurecht gelegt und erzählt ihn mir mit wilden Worten. Wie banal, muss ich immerzu denken. Wie unvorstellbar banal! Das ist meine eigene Geschichte, in unwesentlichen Variationen ereignet sie sich stündlich tausendfach (die Filipina ist eine Kollegin oder – wie meiner Nachbarin geschehen, ein Kerl). Nur der Kern ist immer gleich: Lügen, Respektlosigkeit, Destruktion der Existenz. Der gemeinsamen – doch obendrein soll der/die Andere als Person zerstört werden. Die dunkle Seite des einstigen Lieblingsmenschen, der jetzt vor allem eins verfolgt – das Alte zu zerschlagen. Nachhaltig! Auslöschung der gemeinsamen Geschichte, auch die schönen Momente nurmehr Schatten. Die Biografie bekommt Löcher. H.s Geschichte setzt mir mehr zu, als ich will. Die Wiederholbarkeit macht sprachlos, macht die Sache so klein. Ich weiß schon alles, sie braucht mir nichts mehr zu erzählen. Man hält sein schlimmes Schicksal für einmalig, auch H. denkt das, dabei ist es eine ganz abgegriffene Blaupause.