Freitag. Nach der freundlichen Privatfortbildung weiß ich jetzt: wissenstechnisch bin ich mit der „Amts“leitung ungefähr auf Augenhöhe. Das ist einerseits beruhigend für mein Ego, andererseits ist es höchst beunruhigend für das politisch und gesellschaftlich gewollte Zukunftsprogramm ‚digitales Lernen‘.
Digitales Wissen ist Macht. Es ist das Wissen der Zukunft. Diejenigen, die uns die Sache beibringen, beherrschen allerdings selbst nur geschätzte 5 % des Gesamtpotenzials z.B. der Moodle-Plattform. Bei Einzelnen mag das mehr sein, aber was an Wissen hinten raus kommt, also bei uns, den Anwenderinnen in der Praxis, sind dann vielleicht noch klägliche 2%. Wie man hört, liegt an manchen Schulen der Unterricht seit dem Lockdown schlichtweg brach. Das pädagogische Personal scheitert am digitalen KnowHow oder hat einfach keinen Bock auf den nicht nachvollziehbaren Paradigmenwechsel im pädagogischen Betrieb. Das bildungsbürgerliche Tübingen mit Uni und Klinikum als Hauptarbeitgeber ist da eine Insel der Glückseligen.
Ich arbeite weiterhin meine 14, 15 Stunden – ja, es ist noch ein bisschen mehr geworden: Noten, Notenkonferenzen, panische letzte Rückläufe, die auch noch bewertet werden wollen, virtuelle Konferenzen, schnelles Einarbeiten so ganz nebenbei auch in diese Techniken.
Inzwischen geht alles etwas routinierter, was nicht heißt, dass Freude am Horizont aufkommt. Eher geistige Erstarrung. Früher kriegte man vom Fernsehen viereckige Augen, wir kriegen viereckige Seelen. Ich frage mich, wie lange meine Tätigkeit noch im Informieren statt Inspirieren besteht. Eine Videokonferenz kann ganz lustig sein, so wie vorgestern: Ausgehend von dem atl. Konflikt zwischen Saul und David diskutieren wir über Eifersucht. Ein Mädchen meint, sie habe da einen 3-Stufen-Plan: 1. Versuche besser zu werden, 2. Rede mit der als überlegen empfundenen Person, und wenn das auch nicht hilft, gehe 3. auf Abstand. Alle Achtung, auch von Zehnjährigen kann man lernen! Das sind die kleinen Highlights, von denen es so unvergleichlich viel mehr im sog. Präsenzunterricht gibt, weshalb ich meinen Job immer geliebt habe.
Unter dem Corona-Lockdown mutiere ich körperlich und geistig zu einem fleischlichen Datenvermittler: Wetware, wie ganz abgedrehte Transhumanisten den – für sie zu überwindenden – Menschen bezeichnen. Auf Umwegen über die Mensch-Maschine-Interaktion, den Cyborg, soll das menschliche Lebewesen in ferner Zukunft in reine Software aufgehen – so das völlig unkritisch übernommene SciFi-Narrativ der Vertreter diese Ideologie (es gibt m. W. keine Frauen unter ihnen).
Ich sehe uns nicht mehr am Anfang dieses Prozesses und male mir aus, was da gerade mit uns passiert. Mit Grausen rekapituliere ich alles, was ich mir über den Transhumanismus angeeignet habe – für einen Vortrag, der im Oktober 2020 stattfinden sollte und natürlich ausgefallen ist.
Dystopische Tagträume plagen mich seither von diesem letzten Schritt der Evolution to become smarter, fitter, healthier, von dem es kein Zurück mehr gibt. Unter dem entsprechenden gesellschaftlichen und politischen Druck meinen wir, das alles gut finden zu müssen, wir sehen nur die Vorteile vom schnellen Konsumieren bei Amazon, vom blitzschnellen Informationstransfer über Facebook, Moodle u.v.a., von unserer körperlichen Abwesenheit – aber was das mit uns macht, mit unserer Menschlichkeit, unserer Leiblichkeit, nehmen wir im Rausch des Game-Changings nicht wahr.
Die gesellschaftliche Konditionierung und Indoktrination erfolgen nicht gewalttätig, aber totalitär. Deshalb merken wir sie nicht. Sie kommt nicht mit großer Fanfare, sondern tröpfchenweise unermüdlich. Hier eine kleine vorgebliche Arbeitserleichterung, da ein Wissen, das wir angeblich nicht mehr brauchen, das uns abgenommen wird, alles unter dem Deckmäntelchen der Optimierung unseres Arbeitsalltags bzw. der Befreiung von unnötigem Ballast (Hitler: „Ich befreie den Menschen von dem Zwange … einer Gewissen und Moral genannten Chimäre!“)*.
In Wirklichkeit erlebe ich diesen Prozess als Verarmung. Ich weiß eben gern selbst viel. Ich lasse mich nur ungern von einem Algorithmus definieren und mir meine Handlungsoptionen vorgeben. Ich will nicht nur informieren, sondern inspirieren – und inspiriert werden. Das Jahr 2020 war das uninspirierteste, unsexyeste Jahr ever! Auf unheilvolle Weise beschleunigt das Corona-Virus den längst eingeschlagenen Kurs. Nutznießer, Gewinner, Förderer ist die Avangarde der Evolution (Max More), die künstliche Superintelligenz, die Kontrolleure und Vollstrecker im Silicon Valley, die uns zu subalternen Benutzern von Systemen degradieren, die nur die Allerwenigsten durchschauen.
Nichtwissen geht mit Autonomieverlust einher. Genau das ist es, was ich gerade so schmerzlich empfinde.
* Herrmann Rauschning: Gespräche mit Hitler, Europa-Verlag 1939