Donnerstag. Die Flutkatastrophe rückt von der ersten auf die zweite oder dritte Seite der Tageszeitungen.
Was für die einen als tiefer biografischer Einschnitt, vielleicht sogar als lebenslanges Trauma bleiben wird, verblasst für die Nichtbetroffenen auf dem Hintergrund nachjagender Ereignisse. Die Öffentlichkeit hat sich ausgiebig damit beschäftigt, viel gespendet, nun soll das Leben bitte weitergehen. Über Laschets unpassendes Gelächter während einer Solidaritätsrede von Bundespräsident Steinmeier in einem der Flutkatastrophen-Gebiete und dessen nicht einschätzbare Auswirkung auf die Bundestagswahl im September lässt sich noch eine Weile spekulieren. Tagesaktuelle Ereignisse wie der furchtbare Mord am belarussischen Widerstandsaktivisten Witalij Schischow in seiner Exilheimat Kiew/Ukraine wühlen verständlicherweise mehr auf als ein Ereignis, das nun schon drei Wochen zurückliegt. Die Corona- Infektionen nehmen wieder zu, und in Hessen gab es einen schrecklichen Unfall mit mehreren Toten durch irgendwelche hirnamputierten Kampf-Raser. Mehr als das alles zusammen berühren einen jedoch die Bilder von brennenden Wäldern und Dörfern in der Türkei und in Griechenland:
Weinende Menschen mit Handys säumen die Landstraßen und machen letzte Fotos von ihren niedersengenden Häusern. Ihnen geht es wie PM – es ist nichts mehr da.
Auch sie werden sich zahlreich anhören müssen oder sie sagen es gleich selber, dass sie leben und dass das die Hauptsache sei. Ja, schon klar, doch wer will in einer eindeutig beschissenen Lage hören, dass es noch viel beschissener sein könnte?
PM hat Glück, er ist in einem 1-Zimmer-Appartement untergekommen, wo es fließendes Wasser und Strom gibt. Das ist mehr, als viele Betroffene in der Ahr-Region haben. Am WE haben wir überlegt, wie unsere Wunschküche aussehen könnte. Wir haben Küchenseiten aufgerufen und Esstische und Stühle angeschaut, irgendwo muss man ja anfangen. Ich sage: Wir können doch deinen Kühlschrank mitnehmen, und realisiere im selben Moment, dass es den ja nicht mehr gibt. Komisch, wie lange es dauert, bis intellektualistisches Wissen in Verstehen transformiert.
Im Retour, einem Gebrauchtwarenlager bei mir um die Ecke, steht ein ähnlicher Biedermeier-Esstisch wie der abgesoffene von meinen Eltern. Lassen Erinnerungsstücke sich nachkaufen?