Donnerstag. Gespräche mit missionarischen Impfgegner*innen (nichtmissionarische haben meinen Segen) hinterlassen bei mir jedes Mal den unguten Verdacht, just auf den im Dunkel der Unausgesprochenheit vor sich hingärenden Kern ausgesprochen faschistoiden Gedankengutes zu stoßen.
Die Diskussion beginnt in der Regel damit, dass die betreffende Person erklärt, warum eine Impfung für sie nicht infrage kommt: Sie hält sich für sehr widerstandsfähig und braucht den Impfstoff deshalb nicht. Sie empfindet sich als gesund und gegen Viren gewappnet, gesünder und gewappneter als die meisten anderen, als Otto Normalverbraucher. Der nächste Gedanke ist naheliegend: Die Person selbst sorgt dafür, dass sie so gesund und widerstandsfähig ist. Sie bewegt sich viel an der frischen Luft und nimmt regelmäßig Vitamintabletten ein. Außerdem sprayt sie sich den Rachen mit einer antiseptischen Lösung aus, die im weltweiten Netz angeboten wird, ihrer Beschreibung nach jedoch dem recht gängigen Chlorhexamed ähnelt. Die Person scheint nicht nur gesünder, sondern auch schlauer als die meisten anderen zu sein. Sie hat sich über die Wirksamkeit von Vitaminen und Sprays informiert und kann ihre Medikamentenauswahl mit medizinischem (Halb)wissen begründen.
Den Einwand, dass auch gesunde und junge Menschen schon einer Covidinfektion zum Opfer gefallen sind, lassen Impfgegner*innen nicht gelten: Dabei handle es sich entweder um Menschen mit einer Vorerkrankung, von der diese möglicherweise selbst nichts gewusst haben, oder um Übergewichtige.
Ja und? Was heißt das jetzt? Darauf bleiben die Impfgegner*innen die Antwort schuldig. Und das ist auch besser so. Weitergedacht hieße das nämlich entweder, der Vorerkrankte oder Übergewichtige ist selbst schuld, oder: der Tod des Vorerkrankten oder Übergewichtigen ist in Zeiten der Pandemie so bedauerlich wie unvermeidbar.
Diabetiker, Alte, Herzkranke …, sie alle sind also vom biologischen Aspekt her ein kleines bisschen verzichtbarer als die vorgeblich Gesunden? Also, ähm, weniger wert?
Ja. Wer den Mut hat, jetzt noch weiter zu bohren, weil nach Friedrich Dürrenmatt* „eine Geschichte […] dann zu Ende gedacht [ist], wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat“, der vernimmt nun Erstaunliches: Mit der Ausgrenzung der Ungeimpften näherten wir uns Zeiten an, die wir doch schon einmal gehabt hätten.
Das geschichtsträchtige Geraune könnte einem glatt den Atem verschlagen. Dabei ist es nicht mehr als ein weiteres Hakenschlagen: Indem der oder die Impfgegner*in auf angebliche Parallelen mit der Nazidiktatur hinweist, meint er oder sie, diese weit von sich zu weisen. Doch Menschen auf ihre körperliche Leistungsfähigkeit zu reduzieren, sie aufgrund ihrer unterschiedlichen Konstitution in Wertekategorien von Über- und Unterlegenheit einzuteilen, das ist zutiefst diskriminierende Nazi-Ideologie.
Den Impfgegner*innen wünsche ich, dass sie sich nicht in ihrer eigenen Konstruktion verfangen.
*aus: Friedrich Dürrenmatt: 21 Punkte zu den Physikern