Ostersonntag. Vor einer Woche hat unser OB Boris Palmer öffentlich einen Ginko-Setzling gepflanzt. Das Besondere an diesem Bäumchen ist, dass sein Samen von einem Baum stammt, der den Atombombenabwurf auf Hiroshima überlebt hat.
Der widerstandsfähige Ginko Biloba war der einzige Baum, der kurz nach der atomaren Katastrophe in Hiroshima wieder austrieb. Für Japaner ist er deshalb zum Symbolbaum für die Überlebenshoffnung nach Katastrophen geworden. Auch bei uns steht die charakteristische Zweiteilung des Blattes für Versöhnung der Gegensätze, für Frieden und Ausgleich.
Berühmt geworden ist der Baum, der 1000 Jahre alt werden kann, durch Goethes Gedicht Ginko Biloba (1815):
Dieses Baums Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Gibt geheimen Sinn zu kosten,
Wie’s den Wissenden erbaut.
Ist es ein lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwei, die sich erlesen,
Dass man sie als eines kennt?
Solche Frage zu erwidern,
Fand ich wohl den rechten Sinn;
Fühlst du nicht an meinen Liedern,
Dass ich eins und doppelt bin?
Für Goethe symbolisierte das gefächerte Ginkoblatt vordergründig seine Doppelexistenz als Mensch und Dichter – Goethes Lebensthema. Im weiteren Sinn ging es ihm um das Aufzeigen und die Überwindung von Gegensätzen, auch und im Besonderen um die Einheit von Orient und Okzident.
Aktuelle Deutung erfährt das ikonische Blatt in dem scheinbar unversöhnlichen Interessenskonflikt zwischen östlichen und westlichen Militärblöcken.
Ich wünsche mir und allen anderen ein Osterfest, an dem das Kriegsgetrommel schweigt, an dem der Ruf nach schwere Waffen verstummt und statt dessen die Kraft von Vermittlung, Dialog und Brückenbauen sich Bahn bricht. Ich wünsche mir, dass Fundamentalwerte wie Frieden und Pazifismus nicht in den Dreck gezogen und ent-wertet werden, nur weil der Blick auf friedliche Lösungen in der aktuellen Situation verstellt ist. Ich wünsche mir und allen anderen ein friedliches Osterfest.