Mittwoch, Werne. Am Abend treffe ich mich mit meiner alten Schulfreundin Ingrid. Ohne sie hätte ich mein Abi nicht bestanden. Sie spielt nicht. Keine Allüren, kein Fake. Ingrid gehört zu den seltenen Menschen, bei denen ich sein kann, wie ich gedacht bin. Nicht wie ich meine, sein zu müssen. Ihr Mann ist gestorben, erzählt sie, einfach umgefallen und tot. Sie hat viele Krankheiten, jammert aber nicht. Erzählt davon wie von Abenteuern. Das Setzen ihrer sechs Stents hat sie auf dem Bildschirm mitverfolgt: Ich hab dem direkt gesagt, wo die hingehören!
Sie lacht, wie sie früher beim Mathe-Üben in ihrem Mädchenzimmer gelacht hat. Sie weiß den Weg. Und sie weiß, dass sie ihn weiß.
Erzählt: Ihre Mutter hat den Mund zugekniffen und nichts mehr gegessen. Nach drei Tagen starb sie. Ihr Vater wollte noch einmal seinen Garten sehen und in der eigenen Badewanne baden. Ingrid brachte den Garten auf Vordermann, setzte den Vater in den Rollstuhl und fuhr mit ihm die Beete ab. Der Vater freute sich: So gepflegt alles. Am Abend badete er in der heimischen Wanne, war glücklich. Zehn Tage später war er tot.
Trotzdem plagen sie Schuldgefühle. Tod und Schuld, ein untrennbarer Zwilling … Dabei hat sie doch alles so gut, so richtig gemacht.